Militanzdebatte, niedrigschwellig

Die Debatte darum, ob es richtig ist, Auto- und Bankscheiben zu zertrümmern oder gar die Schädel von Bullen, kocht gerade wieder mächtig hoch. Wer hat was zu wem gesagt? Die wichtigsten Kombattant_innen: Die Interventionistische Linke (IL), deren wichtigste Akteur_innen wiederrum die Antifaschistische Linke Berlin, Avanti – Projekt für eine undogmatische Linke, einige Einzelpersonen aus Attac sind. Hier wird schon einiges an Konfliktpotenzial erahnbar. Auch wenn ich einige vergessen haben mag: Die Spannungen bauen sich zwischen Gruppen mit autonomem Politikverständnis und offen reformistischen Organisationen wie Attac auf. Die ALB hat sicherlich kein pazifistisches Verhältnis zur Gewalt, sondern eher ein pragmatisches, Attac lehnt sie hingegen komplett ab. Die IL präsentiert sich allerdings nach außen hin äußerst unterschiedlich. Einige Vertreter_innen lassen rassistische Sprüche ab (Teutsche Linke randalieren nicht, dit waren Kanacken, Hooligans und Bauernjugend), andere distanzieren sich (kompromisslos)von jeder Form der Gewalt, die von den eigenen Leuten ausgeht (Attac, einige der unsäglichen und peinlichen Interviews von Tim Laumeyer), andere wiederrum heißen sie – als Verteidigung der Demonstration gegen Prügelbullen – gut.

Außerdem im Ring: Attac als ganzes/ Bundesvorstand. Peinliche Reformist_innen, die mit aller Macht versuchen, die Deutungs- und Meinungshoheit innerhalb der globalisierungskritischen Bewegung zu gewinnen und dafür schonmal ehemalige Bündnispartner über Bord gehen lassen. Peinlich auch ihre geheuchelte Überraschung und ihr geheucheltes Entsetzen über die „Brutalität“ des Riots in Rostock.

Traditionelle Kommunist_innen, Reformist_innen aus „Der Linken“, für mich vor allem in der jungen Welt vertreten.

Einige andere Kombattant_innen lasse ich wegen Bedeutungslosigkeit, weil ihre Positionen tw. schon vertreten sind und weil sie nicht zur Linken gehören, einfach mal weg.

Die Diskussionsbeiträge.

First: „Die Autonomen“

Einige Tage nach den Riots und den Distanzierungen von Attac und co hat die ALB ihre Presseerklärung „Widerstand ist legitim“ herausgegeben, in der ganz klar gegen eine Spaltung des Widerstandes in gewaltfreie und militante Prostler_innen Stellung genommen wird. Kritisiert wird vor allem die Polizei, Sicherheitsfanatiker in der Politik und die Pressehetze. Am Ende kommt das wichtigste:

Das Nebeneinander der verschiedenen politischen und praktischen Ansätze von Widerstand ist das Erfolgsmodell gegen das Gerede von der Alternativlosigkeit der kapitalistischen Zurichtung der Welt. Dass sich Aktionen wie in Rostock vorrangig auf der symbolischen Ebene bewegen, ist den Aktivisten bewusst. Anstelle von Distanzierungen gegenüber militanten Widerstandsformen, wie einige Akteure der Bewegung sie in den letzten Tagen kundtaten, muss mit fruchtbaren Auseinandersetzungen an konkreten Schritten für die Perspektive einer anderen Welt gearbeitet werden.

In den kommenden Tagen werden rund um Heiligendamm Aktionen und Blockaden gegen den G8-Gipfel stattfinden. Daran wird sich die gesamte Gegenbewegung zu G8 beteiligen. Zu ihr gehören zu einem nicht unwesentlichen Teil Linksradikale und Autonome. Deren Aktionsformen sind legitim und gehören zur Vielfältigkeit einer Bewegung, die ohne die Ereignisse in Rostock kaum wahrgenommen worden wäre.

Ein schöner Gegensatz zu den, an einen Eiertanz erinnernden, Erklärungen von Tim Laumeyer. Diese Erklärung kann als Grundsatzerklärung der ALB zum Thema Militanz während des G8-Gipfels verstanden werden. Auch ihr Festhalten an einer Mobilisierung zum alljährlichen 1.Mai in Berlin spricht eine deutliche Sprache.
Bleibt die Frage: Distanzierung von den Distanzerer_innen? Hierzu scheint mir der „Brief an Peter Wahl“ von Raul Zelik, welcher in der jungen Welt erschien interessant, schließlich hat die ALB diesen Versuch der direkten Auseinandersetzung mit dem unsolidarischen Sack auf ihre Webseite gestellt. Raul Zelik, ein linksliberaler Autor, macht klar, dass auch er zu den friedlichen Demonstrant_innen gehört. Hier scheinen jedoch seine Gemeinsamkeiten mit dem Anhänger_innen des blassroten Kletterclubs auch schon zu enden. Das staatliche Gewaltmonopol stellt für ihn, der (wahrscheinlich nicht nur) in Rostock erleben durfte, wie der bewaffnete Arm des Staates gegen Systemfeinde agiert, keine unantastbare Errungenschaft dar. Die Essenz ist: Auch Zelik ist ein wenig angepisst über die Gewaltakte des schwarzen Blocks, jedoch kommt für ihn keine Entsolidarisierung in Frage. Mehr noch: Er verurteilt eine solche sogar, misstraut ihr. An Attac sollte seiner Meinung nochmals genau überdenken, wie es sich in nächster Zeit zur globalisierungskritischen Bewegung verhält. Die Veröffentlichung des Briefes stellt einen erneuten Denkzettel dar an Attac, jedoch keine Distanzierung von den Distanzierer_innen. Diese wird mensch auf der Webseite der ALB vergeblich suchen. Wie das zu bewerten ist…
Auf der Seite der A.L.I. finden sich sympathischerweise keine langen Artikel zum Thema Gewalt. Dafür stehen Bilder und Beschreibungen von militanten Aktionen und friedlichen Blockaden direkt nebeneinander. Der autonome Riotpornfetisch wird bedient, was will mensch mehr? Damit spiegelt die A.L.I. wahrscheinlich die ein oft unreflektierte und subjektive Bezugnahme auf die Militanz besonders der jüngeren Aktivist_innen wider.
Damit ist zur Haltung der Autonomen zur Militanz wohl alles gesagt. Die Beiträge auf antifa.de sind trotzdem interessant. Vor allem dieser und jener. Mich würde wirklich mal interessieren, wer dieser Shree Stardust ist (Ich habe schon von einem Outing in der jungle Word gehört, wer weiß wer sich dahinter versteckt, soll es bitte trotzdem nicht posten. Es wird schon einen Sinn haben, dass ein „Deckname“ gewählt wurde).

Halt: Beinahe hätte ich vergessen: Die Geschlossenheit bröckelt. Hinter den Kulissen scheinen zähe Diskussionen statt. Sichtbar wurde dies schon am zuvor erwähnten 1.Mai in Berlin. Da lief die Spaltung nicht zwischen Mao-Stalin-Gruppen, Antifas, Antiimps und so weiter, sondern direkt durch die undogmatische, autonome Szene. fels brach nämlich mit den alten Traditionen und versuchte sich am Euro-Mayday. Leider wollten sie keinerlei andere Politikkonzepte zulassen und nicht wie die Antifaschistische Revolutionäre Aktion Berlin [ARAB] schrieb (weiter unten)

[…] eine grosse, bunte und kämpferische gemeinsame „Demo-Parade“ von mindestens 10 000 Leuten vor; eröffnet von einer Performance-Gruppe, dahinter ein grosser „klassischer“ Demoblock mit Ketten, Transpis, Lauti und dem ganzen Drumherum, dem eine schier endlose Parade mit verschiedensten Sound-Systems und Themenwagen folgt.

Wichtig für fels war eine Distanzierung von militanten Gebahren (Ketten, schwarze Kleidung, Vermummung), von militanten Aktionen und von der Randale, die jeden 1.Mai von Besoffenen, Kiezkids, Punks und Linken verantaltet wird.
Auch die T.O.P.-B3rlin brach mit dem traditionellen 1.Mai und machte, huhu wie kreativ, einfach einen Tag vorher ihr Spektakel, welches allerdings zu Recht in der Berichterstattung unterging. Ihr Grund zur Trennung war die politische Unvereinbarkeit mit der radikalen Linken.

Attac:

Eine der wichtigsten Erklärungen von Attac ist zweifellos, die Attac-Erklärung zu Ablauf der internationalen G8-Großdemonstration in Rostock. Hier wird beiden Seiten gleichermaßen die Schuld an den Ereignissen gegeben. Ein Mobilisierungserfolg sei die Großdemonstration gewesen. Und natürlich wird sich von der Gewalt der Demonstrant_innen distanziert. Die Erklärung liest sich noch recht moderat, wer hätte anderes von Attac erwartet.
Peter Wahl allerdings zieht, auf Profilierung bedacht und in unglaublichen Größenwahn verfallen, richtig vom Leder: Er möchte den aktivsten, agilsten und jüngsten Teil der globalisierungskritischen Bewegung exkommunizieren. Das Attac, welches es geschafft hat, sich durch Verbalradikalismus als realer Rattenschwanz und Nutznießer und mediale Speerspitze der Bewegung zu etablieren, ihrer Widerstandssimulation des Peng, Klirr und Bang! berauben will, scheint mir reichlich selbstmörderisch. Die Autonomen haben die bessere Musik, die lauteren Parolen und den radikaleren Gestus und sehen verdammt noch mal scheiße cool aus. Attac hat da nicht viel entgegenzusetzen, aber die Jahre des Wachstums im Schatten der Bewegung machen offensichtlich arrogant. Zu bezweifeln ist trotzdem, dass Attac aus dem einträchtigen Bündnis mit der IL aussteigt.

Fehlen noch die Traditionskommunist_innen. Diese kritisieren einerseits auf solidarische Art und Weise die Militanz der schwarzen Blocks und wenden sich mit einer Mischung aus Altersweisheit, welche sie mit Löffeln schnabuliert haben und Legalismus ab. Dies praktizierten von Ulla Jelpke über Werner Pirker zu Jürgen Elsässer, der den Dr. Seltsam würdiger tragen könnten als dessen wirklicher Inhaber, eine ganze Menge in der jungen Welt. Jemand verstieg sich sogar dazu, zu fordern die Anti-G8-Proteste sollen sich am evangelischen Kirchentag orientieren. Ein anderer meinte Militanz in einem Ordnerdienst ausgemacht zu haben, der den Gewaltbereiten in schwarz, auf die Finger klopft. Einbinden, ausnutzen und auf die Aktionsformen der Linkspartei zurechtstutzen also? Dr. Seltsam schlägt sich, ebenso wie der Verfasser des Artikels „Unsere Militanten“ auf die Seite der Kapuzenjugend:

Die ganze innerlinke Diskussion um die Polizeispitzel im Schwarzen Block kann man sich schenken: Wenn die Bewegung soweit ist, werden sie nicht als Agents provocateurs für die Polizei wirken, sondern aus Versehen mithelfen, das Fanal einer neuen Revolte zu entzünden. Denn nach dem 2.Juni 67 kam die 68er-Bewegung, die ganze Generationen dem Kapitalismus entfremdet hat – und auf den 2.Juni 07 folgt: »08«!

Die „Blutschlacht“ wird im Artikel kaum erwähnt, ein große Skandalisierung findet nicht statt. Kaum verwunderlich, wenn jemand, der einige krassere Riots miterlebt hat, schreibt.
Den Artikel „Unsere Militanten“ von Shree Stardust kann ich auch nur empfehlen.

Das waren also einige der wichtigsten Beiträge zur Debatte, bleibt die Frage wer „gewinnt“. Wir Autonomen können sicherlich aus der Erfahrung der jahrelangen, bundesweiten Organisierung noch einiges lernen. Vielleicht sogar das Projekt der bundesweiten Organisierung mit Zusammenschlüssen noch einmal anpacken, diesmal hoffentlich besser dazu geeignet sind, als Antifa-Gruppen. Gegen die Pressehetze und die Entsolidarisierung von Teilen der „Bewegung“ wird nur Theoriearbeit, Arbeit an der Basis und eine Pressearbeit, die geschickter ist, als das was die Interventionistische Linke geleistet hat, helfen. Kronawitter zeigte mit seinen Interviews für junge Welt und „Stern“ wo es langgeht: Die militante Aktion als sexy begreifen und verkaufen und nicht hinterher verschämt nach Erklärungen suchen („Das ist uns noch nie passiert…“). Wie mit Attac umgegangen werden soll, wer weiß. Vielleicht sollten sie ab jetzt ihre langweiligen Latschdemos allein veranstalten, leider ist die Linke hierzulande wohl kaum stark genug, um allein Demonstrationen von Zehntausenden auf die Beine zu stellen. Es wird also wohl oder übel partiell zusammengearbeitet werden müssen.

Zum Ende kann ich noch einen Artikel des guten Shree Stardust ans Herz legen, in dem gemahnt wird, die eigene Offensive gut vorzubereiten. Das wie ist im Artikel beschrieben, obwohl ich ein wenig den revolutionären Elan vermisse.

Gute Nacht.


3 Antworten auf “Militanzdebatte, niedrigschwellig”


  1. 1 Keta Minelli 26. Juni 2007 um 11:11 Uhr

    dieser text ist in weiten teilen inhaltlich falsch, diffamierend und dumm. und mir ist meine zeit zu schade, hier auch noch was richtig stellen zu wollen. nur so viel: raul zelik als „linksliberalen autor“ und die demo von top berlin als resultat ihrer abgrenzung von der radikalen linken an sich zu bezeichnen, geht an der sache völlig vorbei.

  2. 2 Militant 26. Juni 2007 um 11:42 Uhr

    Weiteres zu Militanzdebatte gibts von dem UmsGanze!-Member Redical [M] hier: http://www.puk.de/redicalm/stuff2/oopsitdiditagain.jpg

  3. 3 Administrator 27. Juni 2007 um 21:04 Uhr

    Hier auch was interessantes. Da gehts dann aber wirklich um Militanz und nicht nur um Steine schmeißen.

    http://www.geocities.com/militanzdebatte/

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