Lohnfrage und Gewerkschaften.

In die Link-Kategorie „Kommunismus“ kommt mal wieder ein neuer Text, dieser setzt sich mit der Lohnfrage auseinander, auch damit, wie sie früher einmal ausgetragen wurde und heute ausgetragen wird und welche Instrumentarien sich der kapitalistische Staat geschaffen hat, um den Widerspruch zwischen der Klasse der Arbeiter_innen und der Kapitalist_innen zu befrieden. „Sozialstaat“, Gewerkschaften, Betriebsverfassung und Arbeitsgesetzgebung werden da analysiert. Einzig mit dem letzten Absatz habe ich arge Probleme.

Die Unvereinbarkeit von kapitalistischem Wachstumserfolg mit dem Lebensunterhalt seiner Produzenten, wegen der Arbeiter sich einmal aufgestellt haben, ist heute offiziell erklärtes und praktisch wahrgemachtes Programm. Und was macht die malträtierte Klasse? Kommt sie aus gutem Grund auf die gar nicht überhoolte Praxis des Lohnkampfes zurück? Nein. Sie bleibt dabei, ihr Interesse von anderen vertreten zu lassen, die wissen, was geht – und sieht zu, was aus ihr wird.

(Fehler i.O.)

Die Praxis des Lohnkampfes mag nicht „überholt“ sein, darauf zu drängen, dass dieser „Kleinkrieg“ innerhalb kapitalistischer Ausbeutungs- und Unterdrückungsverhältnisse wieder aufgenommen, sollte mensch trotzdem nicht. Schließlich wird ja nur verhandelt, unter welchen Bedingungen die weitere Ausbeutung und Vernutzung der Arbeiter_innen betrieben wird.

Da weist mir ein früherer Absatz in einer bessere Richtung.

Der Staat hat die Sache also viel prinzipieller genommen als diejenigen, die sie angezettelt und um ihr Überleben im System der Lohnarbeit gekämpft haben. Durch sein Vorgehen hat er praktisch klargestellt, dass die Lohnfrage an die Systemfrage rührt. In der Weise belehren lassen hat sich allerdings nur eine Minderheit innerhalb der Arbeiterbewegung: Kommunisten, die den Kampf um mehr Lohn und bessere Arbeitsbedingungen als den hoffnungslos widersprüchlichen und daher verkehrten Versuch kritisierten, vom kapitalistischen System der Ausbeutung dessen Vereinbarkeit mit den Lebensinteressen der Ausgebeuteten erzwingen zu wollen, und die ihrerseits die Systemfrage aufwarfen. Ihre Klassenbrüder versuchten sie für die Einsicht zu gewinnen, dass sie ohne die Abschaffung des Systems des Eigentums, das sie zu dauerhaften Opfern macht, auf keinen grünen Zweig kommen

Der Vollständigkeit halber noch der Überschrift und Quelle. „Die Lohnfrage – einst und heute. Vom staatsgefährdenden Klassenkampf zum gewerkschaftlichen Ritual“, Gegenstandpunkt – politische Vierteljahreszeitschrift, zweite Ausgabe im Jahr 2007.


20 Antworten auf “Lohnfrage und Gewerkschaften.”


  1. 1 narodnik 05. Januar 2008 um 7:57 Uhr

    Mmmhhh.

    Lohnkampf meint hier aber eher das genaue Gegenteil einer entschärften Tarifbewegung, sondern eben genau einen Kampf, eine Austragung mittels geeigneter Aktionen seitens der Arbeiter (unbefristeter Streik bspw.). Solch ein Lohnkampf ist ersteinmal ein immanentes Vorgehen, klar. Nur dadurch können sich aber weiterreichende Perspektiven herauskristallisieren.

    Das die Lohnarbeit ein für den Arbeiter schädliches Lebensmittel ist, heißt nicht das man für einen höheren Lohn nicht streiten soll. Nur muss dann natürlich durch diese Abwehrkämpfe eine weiterführende Diskussion ins Rollen kommen, wenn z.B. durch eine Initiativaktion (Beispiel GDL) die Debatte (Privatisierung z.B.) insgesamt verbreitert wird – also der einzelne, isolierte Widerstand in einer Berufssparte sich quasi zur Avantgarde einer Kritik an der Entsicherung der Arbeitsverhältnisse insgesamt aufschwingt.

    :/ Scheiße ich werde noch zum Operaisten!

  2. 2 ascetonym 05. Januar 2008 um 10:32 Uhr

    Im Artikel, und auch in der von Dir zitierten Passage, wird auf nichts „gedrängt“ (was du nun dagegen hast, wenn Arbeiter für mehr Lohn streiten, das verstehe ich allerdings nicht), sondern darauf hingwiesen, dass man als Arbeiter nicht gut damit fährt sich in Lohnfragen von den hiesigen Gewerkschaften vertreten zu lassen; warum dem so ist, wird schließlich lang ausgeführt. Der zweite hier gepostete Absatz führt dann aus inwieweit ein Lohnkampf überhaupt nützt und welche seine notwendigen Grenzen sind.

    P.S. Warum Sozialstaat in Anführungszeichen? Ist Dir der vorhandene nicht wahrhaftig genug?

  3. 3 Wendy 05. Januar 2008 um 15:45 Uhr

    narodnik: Das sich dadurch weitergehende Perspektiven entwickeln, das behauptest du erstmal nur. Warum das so sein soll, führst du nicht aus.
    Lohnarbeit ist doch scheiße, da müssen von Kommunist_innen also auch keine Kämpfe für kleine Verbesserungen geführt werden.

    „Sozialstaat“ ist in Anführungszeichen, weil der Begriff im Diskurs vorgeprägt ist, von allerlei Idiot_innen, unter anderem solchen, die einen sozialeren Staat fordern.

  4. 4 inkognitee 05. Januar 2008 um 16:56 Uhr

    Lohnarbeit ist doch scheiße, da müssen von Kommunist_innen also auch keine Kämpfe für kleine Verbesserungen geführt werden.

    das eine hat doch mit dem anderen nix zu tun. obwohl … bei echten kommunist/innen wie dir vielleicht schon.

  5. 5 tschilli. 05. Januar 2008 um 23:46 Uhr

    Natürlich is Lohnarbeit scheiße. Aber Lohnarbeit mit mehr Lohn is besser als Lohnarbeit mit weniger Lohn. Das wirst du kaum abstreiten wollen oder, Wendy?

  6. 6 IdrawESCAPEplans 06. Januar 2008 um 3:19 Uhr

    ich finds verlogen für irgendwelche vorgestellten gemeinschaften, ob ich die jetzt klasse oder anders nenne, um etwas zu kämpfen.

  7. 7 narodnik 06. Januar 2008 um 5:52 Uhr

    ich finds verlogen für irgendwelche vorgestellten gemeinschaften, ob ich die jetzt klasse oder anders nenne, um etwas zu kämpfen.

    Für dich Liberalala ist auch jede Kollektivität – und sei sie noch so emanzipatorisch – Freiheitsberaubung. Kommt davon wenn man meint mit einer Affirmation des abstrakten Individuums in der Warengesellschaft besonders links zu sein.

  8. 8 Wendy 06. Januar 2008 um 5:53 Uhr

    Idepp: Du bist ja auch ein Trottel und was du findest (!) ist mir scheißegal. Warum die Arbeiter_innenklasse, die sich durch einige objektive Interessensübereinstimmungen auszeichnet, nun für dich eine „vorgestellte“ „Gemeinschaft“ ist, keine Ahnung. Das die Arbeiter_innen zusammen für ihre Interessen eintreten und zwar nur, weil sie diese Interessen verbinden, das finde ich sogar ziemlich „ehrlich“, worum es aber ehrlich gesagt auch garnicht geht!
    Total dämliche moralische Denke, mit der du da ran gehst.

    tschilli: Ja, und ein Messer im Bauch ist immer noch besser, als ein Messer im Herzen :-/. Mit ein bisschen mehr Lohn bleibt Lohnarbeit immer noch scheiße und darum sollte es gehen. Du kannst da natürlich auf Teufel komm raus was gutes dran finden, letztlich bleibt sie eine, die Arbeiter_innen notwendig schädigende Angelegenheit.

  9. 9 inkognitee 06. Januar 2008 um 7:30 Uhr

    wo ist nur neoprene, wenn man ihn mal braucht …
    (lesenswerte diskussion)

  10. 10 IdrawESCAPEplans 06. Januar 2008 um 12:24 Uhr

    - more from the trottel –
    narodnik, du unterstellst ja quasi das es das gut und emanzipatorische kollektiv gäbe. das kollektiv negiert jedoch immer das individuum. wir können ja gern über interessensgemeinschaften reden aber bitte nicht über kollektivität.

    - even more from the trottel –
    wendy, warum konstruierst du aus einer angelegenheit wo sich eventuell mal mehr leute einig sind als sonst, nämlich das bessere löhne ne gut idee wären, eine klassenidentität? damit unterstellst du ja quasi, dass das interesse aus der stellung in den verhältnissen erwächst und jemand anders als die „arbeiter“ garnicht drauf kommen könnte.

    ich würde eher dir vorwerfen das du das ineresse für bessere löhne für dich ideologisch instrumentalisierst um mal wieder nach herzenslust über klassen und lohnkämpfe schwadronieren zu können. plumpe bedürfnisbefriedigung :)

  11. 11 Wendy 06. Januar 2008 um 17:01 Uhr

    idepp, es ging mir mehr, um das gemeinsame Interesse der Arbeiter_innen, den Kapitalismus abzuschaffen und eine Gesellschaft zu schaffen, die sie nicht fickt, verstehste? Um höhere Löhne gehts mir absolut nicht, aber das wüsstest du, hättest du da oben aufmerksam gelesen. Von „Klassenidentität“ habe ich garnicht gesprochen, sondern von einer grundlegenden Interessenübereinstimmung. Sich aufgrund einer solchen zusammenzuschließen und gemeinsam, sowie abgestimmt zu handeln, ist doch „ehrlicher“, als sich aufgrund von „Volk“, „Nation“ oder „Rasse“ nen Club aufzumachen. Jetzt verstanden?

    Ob ein Kollektiv nun das Individuum „negiert“ (was du damit meinst, ist mir ehrlich gesagt, nicht so klar), ist die Frage. Das immer als gesetzt zu nehmen, halte ich für Blödsinn.

  12. 12 narodnik 06. Januar 2008 um 17:08 Uhr

    das kollektiv negiert jedoch immer das individuum. wir können ja gern über interessensgemeinschaften reden aber bitte nicht über kollektivität.

    Sage ich ja, liberal verseuchter Individualismus. So wie es üblich ist für einen Luxus-Hedonismus-Warenkonsum-Liberalen wie dich.

    Du beziehst dich hier affirmativ nur auf die bürgerliche Gegenüberstellung von gutem demokratischen Individualismus und böhser kollektivistischer Diktatur (immer wieder gerne NS und Sowjetunion). So kann man dann ganz leicht die Entsubstantialisierung des Individuums gerade durch die westliche Individualisierung ideologisch externalisieren.

    Der Kollektivismus ist aber nur die andere Seite, ebenso wie Markt und Staat fungibel sind.

    Mit Kollektivität ist also etwas ganz anderes hier gemeint als irgendeine Zwangsgemeinschaft. Und zwar eine gemeinsame Aktion der revolutionären Subjekte die da eine Transformation der Gesellschaft initiieren.

  13. 13 narodnik 06. Januar 2008 um 17:17 Uhr

    In dem Augenblick aber wird unser Bildungsprozess ein kollektiver, nicht im Sinne der Vernichtung von Individualität, sondern überhaupt erst in der Herstellung von Individualität, so wie er metaphysisch in Hegels ‚Phänomenologie des Geistes‘, materialistisch in Marxens ‚Kapital‘ und psychoanalytisch in den Theorien Freuds formuliert ist, indem wir diese Gesellschaft als ein totales Ausbeutungssystem durchschauen, in dem die produktive Lebenstätigkeit der Menschennatur verkümmert. Wir machen Bildungsprozesse durch, die überhaupt erst Individualität wieder herstellen und das, was Individualität ist, in einem emanzipativen Sinne rekonstruieren, indem wir uns im praktischen Kampf gegen dieses System zusammenschliessen.

    - KRAHL -

  14. 14 Wendy 06. Januar 2008 um 22:00 Uhr

    Find ich sogar einigermaßen gut, was narodnik dazu geschrieben hat, obwohl es wieder ganz schön in Gelaber übergeht.

  15. 15 IdrawESCAPEplans 07. Januar 2008 um 12:13 Uhr

    ach narodnik, als ob ich nicht zwischen individualität und individuation differenzieren könnte. dein rumgemecker ist flach und langweilig. hauptsache dissen. warum gerade kollektivität einen prozess der individuation auslösen soll, geht aus dem geposteten text nicht hervor.

    @Wendy,
    ja das hab ich schon verstanden. aber dieses gemeinsame interesse besteht nicht.

  16. 16 narodnik 07. Januar 2008 um 18:04 Uhr

    @ Idraw

    warum gerade kollektivität einen prozess der individuation auslösen soll, geht aus dem geposteten text nicht hervor.

    Weil sich eben jenseits des abstrakten Individuums nur in einem gemeinsamen Prozess Individualität wieder herausbilden kann die nicht entsubstantialisiert ist als Pseudo-Individualität qua Warenkonsum und Selbstzurichtung.

  17. 17 narodnik 07. Januar 2008 um 18:08 Uhr

    aber dieses gemeinsame interesse besteht nicht.

    Ja, die Arbeiter konkurrieren natürlich untereinander ebenso. Nur das gilt es ja gerade zu durchbrechen – denn sie haben ja in Wirklichkeit ihre scheiß Lage als objektive Gemeinsamkeit. Wie sich diese Lage jetzt en Detail darstellt ist eine andere Frage – ob jetzt alle mit harten Bandagen gegeneinander arbeiten, oder ob sich Solidarität in Ansätzen herausbildet.

    Letzteres sollten Kommunisten forcieren – und gerade nicht idealistisch herangehen und sich irgendeine Chimäre des revolutionären Arbeiters vorstellen, gleichzeitig aber auch nicht von der schlechten Situation darauf schließen das es nur so und nicht anders sein kann.

  18. 18 Wendy 07. Januar 2008 um 18:13 Uhr

    Natürlich besteht ein gemeinsames Interesse. Abschaffung von Ausbeutung, Lohnarbeit und halt einer Gesellschaft, die einen notwendig schädigt. So merkbefreit kannst du doch garnicht sein.

  19. 19 IdrawESCAPEplans 10. Januar 2008 um 3:20 Uhr

    aus der erkenntnis das was nicht stimmt, also dass das arbeitsverhältnis scheiße ist, erwächst nicht das wissen um die verhältnisse. oft kommt es lediglich zur falschen projektion, zum hass auf die da oben verbunden mit dem insgeheimen bedürfnis auch oben zu sein. es gibt ein relativ gutes buch zum thema – „pädagogik der unterdrückten“ – das sich dezidiert mit diesem phänomen befasst. natürlich wär ein anderer zustand traumhaft. bei vielen menschen in schlechten arbeitsverhältnissen bin ich persönlich relativ froh, das sie gerade nicht revolution spielen können. wohin sich das geminschaftsinteresse kanalisieren würde, will ich mir garnicht vorstellen.

    außerdem ist diese klassentrennung immer nur ein spielchen wen man gerade zum abschuss freigibt, auf wen man mit den finger zeigen kann und wer nach der revolution an die wand gestellt wird. schauderhaft.

  20. 20 scheckkartenpunk 10. Januar 2008 um 13:45 Uhr

    Ja die Argumentation der Klasse birgt auch Abgründe in sich, die ihre Beführworter eher nicht beantworten bzw. lösen wollen.

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