Autonome Jugendantifa Bernau [AJAB] löst sich auf.

„Last exit – first step – Die beste Auflösungserklärung aller Zeiten“

Endlich! Endlich habe ich es geschafft, dieses wunderbare Papier durchzulesen. Ich kann zwar von mir sagen, dass ich das Originalposting auf Indymedia noch „frisch“ sah, allerdings war es mir viel zu lang und naja es war nur eine Auflösungserklärung und außerdem waren das ja Antideutsche…skip.
Die offensichtliche Beschäftigung der Autor_innen mit der Freudschen Psycho-Analyse macht das gute Stück besonders lesenswert und – natürlich – der Wortwitz und die Sprachbeherrschung der Bernauer. Es macht einfach Spaß und wenn dann auch noch Anekdötchen über den Alltag reisender Halunken eingestreut werden…

Meine Lieblingsstellen:

Ohne Freud kein Über-Ich und ohne Über-Ich keine Freude

Der folgende Schritt vorwärts war nicht wie bei Lenin in Wahrheit zwei zurück. Er war dennoch eher eine Flucht nach vorn, bei der man alles stehen und liegen lässt und nur das Nötigste mitnimmt, was aber schlechthin bedeutete, dass des Pudels Kern erhalten blieb. Schnell lernten wir, dass obwohl wir Parolen wie `Nie, Nie, Nie wieder Deutschland` mittlerweile mit einer unglaublichen Sensibilität zu intonieren perfektioniert hatten, längst noch keine Antideutsche waren. Dafür musste man, so erfuhren wir bald, erst die Bahamas lesen, sein Outfit aufrüsten und anstatt pogen zappeln gehen. Zum Glück konnten wir aber unsere Carhartt-Hosen, Sonnenbrillen, Caps und Windbreaker behalten, wobei festzuhalten ist, dass wir einige dieser Szenecodes aus unterschiedlichen Gründen noch heute mit uns herumschleppen und sie uns an die süße Sucht nach Identifikation erinnern, wie das Steißbein den Menschen daran, dass er vom Affen abstammt.

Außerdem natürlich „Go East Part I“ und „Go East Part II

In Erfurt angekommen, trafen wir glücklicherweise keine weiteren Punker, lässt man die jämmerlichen Gestalten am Kicker im besetzten Haus einmal außen vor. Dort spielte sich derweil ein paradoxes Szenario ab. Während der leitkulturelle Act der Antideutschen, die Berliner Band Egotronic, sicherlich schon in vergleichbaren Muchten gespielt hat, sahen sich die Bahamas-Redakteure, welche neben der Bar ihre Zeitschrift und Distinktionsgewinne (Buttons) verkauften, wahrscheinlich in ihre Zeit als K-Gruppe zurückversetzt. Leider betranken wir uns nicht ausreichend – vielleicht hatte uns ja die Begegnung mit den drei Nonnen zuvor in der Erfurter Innenstadt unbewusst manipuliert – sodass wir uns wiederum des Zustandes unserer Schlafplätze allzu bewusst waren und der war, wie es sich für ein besetztes Haus gehört, schlimm. Nicht dass uns die 50 anderen Genossen störten, die den penetranten Geruch von der Tanzfläche mitbrachten oder die unangenehme Angewohnheit stark alkoholisierter Schlafender lautstark zu schnarchen unsere Nerven strapazierte, aber dass die einzigen Matratzen volluriniert waren, ging dann doch zu weit. Viele Gründe also Deutschland zu hassen. Diese Gegenliebe war nebenbei auch das Motto des Aufrufs und der antideutschen Demonstration.) Auf dieser wurde am nächsten morgen nicht so wirklich klar, wer und warum nun eigentlich wen hasst. Vielmehr blieb es bei resttrunkenen Bekenntnissen, denen wir nun ein weiteres hinzu fügen möchten.

Die Rückfahrt im Regionalzug verbrachten wir mit einem Punker, der morgens in Erfurt nach einer Party in einem Raum aufwachte, wo die Sause stattgefunden haben muss. Jedenfalls nahm er von den verbliebenen alkoholischen Ressourcen soviel mit, wie er tragen konnte, was sich durchaus sehen lassen konnte und uns veranlasste einen Waffenstillstand zu beschließen, um guten Gewissens mit dem Punker einen drauf zu machen. Dass auch die Schaffnerin unsere Eskapaden duldete, lächelnd durch die Bierpfütze in unserem Gang watete und auch den Haschischgeruch im Raucherabteil wohlwollend zur Kenntnis nahm, war zumindest bis der Rausch seine Wirkung verlor, Anlass an der Wirklichkeit zu zweifeln.

Außerdem:

Die RAF lebt!

Wunderschön war auch der Anblick der brennenden Mülldeponie im September. Nachdem wir uns eines Abends zuvor im Casa de la Plaza deliriös betranken, fuhren wir im eleganten Kombi des einzig nüchtern Gebliebenen die B2 entlang, parkten am Seitenstreifen und hielten einen Moment inne. Dicke Rauchschwaden zogen, durch den nächtlichen Mondschein hell erleuchtet, am bedrohlich drein schauenden Horizont vorbei, ein Schauspiel, das durch unseren Rausch angemessen sekundiert, einige von uns animierte auf der Straße einen nahezu rituellen, durch minimalistische Autoradiotunes forcierten Tanz aufzuführen, bis dann wirklich gar nichts mehr ging. Damals war uns aber, soviel muss gesagt sein, noch nicht klar und vor allem nicht bewusst, dass es sich bei dem Feuer um einen, ja, terroristischen Akt eines sozialrevolutionären Anwohners handelte, der unter Beifall der Bernauer Volksgemeinschaft dem ortsansässigen Groß(müll)konzern GEAB den Garaus machen wollte, hatte dieser doch die der Volksgesundheit schadende Kakerlakenplage in die Stadt gebracht.

In unserem Text Von Heuschrecken und Kakerlaken versuchten wir den Zusammenhang dieser Ungeziefer zu pointieren, wobei natürlich unübertroffen gewesen wäre, wenn der Gestank des Mülls wirklich Heuschrecken auf die Deponie und damit in die Wohnzimmer der Bernauer Volksgenossen angezogen hätte. Doch auch so war es ziemlich skurril, was sich da in unserer Hometown abspielte: der General höchstpersönlich, Bürgermeister Hubert Handke, schaltete sich ein und begann die Krise zu lösen, the german way versteht sich, also kameradschaftlich. Als symptomatisch erwies sich einmal mehr die öffentliche Fahndung nach den Brandstiftern. Da niemand ernsthaft etwas daran auszusetzen hatte, dass es auf der Deponie lichterloh brannte, zeigte man mit dem Finger auf die verschuldeten Unternehmer, diese hätten skrupellos das Feuer selbst gelegt und wären dann auch noch feige geflüchtet.

Das sind vielleicht nicht die besten Stellen aus dem Papier, sie sind vor allem ein würdiger erster Beitrag für meine Kategorie „Helden, wie wir“, schöne Schlaglichter aus der Odyssee die den einen oder die andere durch die sog. linke „Bewegung“ führt.

Eines noch: Das war wahrscheinlich wirklich die fetteste Aktion:

Der mit roten Sowjetfahnen drapierte Fahrradkorso durch die Bernauer Innenstadt mit Panzerkettengeräuschen und O-Tönen von Durchsagen der Roten Armee an die deutsche Bevölkerung war die mit Abstand fetteste Aktion, die wir je auf die Beine gestellt haben, ohne dass sie irgend ein Über-Ich vom Kopf auf die Füße stellen konnte.


Der ganze Text übrigens hier.


28 Antworten auf “Autonome Jugendantifa Bernau [AJAB] löst sich auf.”


  1. 1 red surfer 25. März 2008 um 15:08 Uhr

    Schön gedichtet. Ein Bemühen, sich ernsthaft Rechenschaft darüber abzulegen, woher all das kommt, was man als Belästigung und Schaden wahr­nimmt ist freilich nicht zu erkennen. Nur der Stolz auf eine „coolere“ Randgruppenkultur mit Provo-Faktor.

  2. 2 Wendy 25. März 2008 um 15:12 Uhr

    Stimmt auch wieder.

  3. 3 Wendy 26. März 2008 um 17:24 Uhr

    Los, Leute, kommt schon! Eure Erlebnisse mit der AJAB! Eure Jugend-Antifa-Geschichten! Keta Minelli, sag du auch was!

  4. 4 keta minelli 26. März 2008 um 18:01 Uhr

    Ich kenn die nicht, ich will die nicht kennen. Aber einen Jugend-Antifa würde ich nehmen.

  5. 5 besserscheitern 26. März 2008 um 18:11 Uhr

    Ich finds ein bisschen geil wie sie so schön angeben, was sie für Bücher gelesen haben. Aber 2005 musste man vermutlich noch auch noch so bierernst antideutsch daherkommen. Wurde hier auch so gemacht.

    Schmutzige Jugendantifageschichten habe ich keine.

  6. 6 difficultiseasy 26. März 2008 um 19:59 Uhr

    wir waren ja früher in der jab auf MG-linie und haben alle proll-, hool-, und sprüher-antifas verkloppt, die unsere argumente nich blicken wollten. geile sache. konnte man sich monatelang mit beschäftigen.

  7. 7 difficultiseasy 26. März 2008 um 21:19 Uhr
  8. 8 Wendy 27. März 2008 um 4:56 Uhr

    Diffi lügt und Keta wahrscheinlich auch. Aber ansonsten hat Keta recht. So.

  9. 9 keta minelli 27. März 2008 um 12:53 Uhr

    Wendy 25. März 2008 um 15:12 Uhr

    Stimmt auch wieder.

  10. 10 Wendy 27. März 2008 um 13:55 Uhr

    besserscheitern: Dieser „bierernst antideutsche“, das verlangt mir irgendwie Respekt ab. Es kann zwar niemand wissen, welche Fahnenschwenkereien und Dumm-Blogs diese Leute gemacht hätten, wenn schon damals zur Rechtfertigung der eigenen „antideutschen“ Positionen nicht viel, vor allem keine Textkenntnis erforderlich gewesen wäre, aber trotzdem find´ ich die besser als die heutige Bomber-Harris-Jugend.

  11. 11 keta minelli 27. März 2008 um 14:52 Uhr

    Wo genau ist da nochmal der Unterschied. Außer der offensichtlichen Tatsache, dass insgesamt alle immer mehr verblöden?

  12. 12 Sir Arthur 27. März 2008 um 15:07 Uhr

    Stimmt auch wieder.

  13. 13 Wendy 27. März 2008 um 15:08 Uhr

    Naja, die von früher haben sich damals anscheinend noch wirklich Gedanken drüber gemacht.

  14. 14 Sir Arthur 27. März 2008 um 15:14 Uhr

    Nur was für welche! Unterm Strich ist das der Unterschied zwischen elaboriertem und dumpfem Schwachfug. Also auch hier wieder nicht den „Immerhin-Fehler“ begehen. :-)

  15. 15 Wendy 27. März 2008 um 15:17 Uhr

    Ja, scheiß Vergleichslogik halt.

  16. 16 2005 noch selber HC AD 28. März 2008 um 1:00 Uhr

    Früher (?? immerhin nur gute 2 Jahre Unterschied zu 05) wurde, was aus dem Text hervorgeht, noch mit der kritischen Theorie kokketiert, die sich immerhin schwer liest, heute wird nur noch in miese Streetart gemacht.

  17. 17 keta minelli 28. März 2008 um 13:11 Uhr

    Miese Streetart verbunden mit der vermeintlich coolen Pose des Drogenmissbrauchs. Was habe ich getan!

  18. 18 Wendy 28. März 2008 um 13:16 Uhr

    Bitte?!

  19. 19 keta minelli 28. März 2008 um 13:40 Uhr

    Ich hatte eben – um 10 Uhr 30! – vor einem Club ein Gespräch mit einem Mitglied eines semibekannten Berliner Technoprojekts („Spaßbrigade Bongwasser“ oder so ähnlich), der mir erzählte, dass im Laufe der Nacht junge „Antideutsche“ auf ihn zugekommen wären, ihn gefragt haben, ob er vielleicht mal „Soli“ spielen würde und ihm Pillen und einen Batzen Israel-Aufkleber in die Hand gedrückt hätten. Dieser DJ hat mich im selben Atemzug für die, wie er es nannte, „politische und lifestyle-mäßige Verrohung dieser jungen Leute“ verantwortlich gemacht. Ich bin schwer schockiert, schäme mich ein bisschen und habe gedacht, hier wäre der richtige Ort das loszuwerden. Falls ich mich geirrt habe, entschuldige ich mich auch hierfür.

  20. 20 Wendy 28. März 2008 um 13:56 Uhr

    Sportbrigade Sparwasser. Du bist sicher mit dran schuld, aber die Hauptarbeit haben andere gemacht. Absolution.
    Wen interessiert eigentlich „Schuld“?

  21. 21 keta minelli 28. März 2008 um 13:57 Uhr

    Stimmt. Dieser Schuldkult muss aufhören.

  22. 22 Wendy 28. März 2008 um 14:21 Uhr

    Billig.

  23. 23 besserscheitern 28. März 2008 um 17:01 Uhr

    @keta

    Hast du auch in miese Streetart gemacht?

  24. 24 Wendy 28. März 2008 um 17:28 Uhr

    Wenn ja, würde das sein Ansehen bei mir etwas beschädigen.

  25. 25 keta minelli 30. März 2008 um 15:21 Uhr

    Natürlich nicht!

  26. 26 rera 01. April 2008 um 20:52 Uhr

    wenn du mehr lesen moechtest check einfach den badblog…dass ist jetzt quasi das neue agitationsfeld der ajab

    abber pssst…… :D

  27. 27 Wendy 01. April 2008 um 22:54 Uhr

    Oha! Das wusste ich nicht.

  28. 28 arsch mit ohren 03. Oktober 2009 um 21:47 Uhr

    aber jetzt mal ernsthaft, was ist aus den ajab leuten geworden? weiß das wirklich keiner…

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