Wir wollen die Leute aufhetzen.

Und die andere ist: Die Menschen sehen es doch nicht ein, also geht es um Manipulationen zum Guten. Und auf dem Feld – Manipulation zum Guten – gibt es jetzt 1000 Ideen. Die eine Idee heißt: Man muß Erfolg haben, dann traut man sich. Jetzt wird es offen: Man muß den Menschen nett kommen, dann glauben sie an einen auch in einer anderen Frage. Hat die Linke alles ausprobiert! Man muß ein Nicaragua-Solidaritätsfest machen, dann gehen die Leute hin, weil da Salsa geboten wird. Dann sind sie für Nicaragua, aber nur weil dort Salsa geboten worden ist. Dieselben Leute, sagt jetzt der, der das verteidigt, würden nicht hingehen, wenn du sagst, was die Amerikaner mit Nicaragua veranstalten, dann würden Sie sagen, da bleibe ich daheim. Also ist es politisch nützlich, wenn sie zu einem Nicaragua-Solidaritätfest gehen. Da haben sie Salsa gehört und haben glatt den Linken den Gefallen getan, zu sagen, das war jetzt Nicaragua Solidarität. Gebracht hat es außer einem Abend mit Vergnügen nichts, außer einem gewissen Selbstbetrug der Linken, sie hätten Leute hinter sich, die sie mit Salsa locken mußten, und tatsächlich noch mit etwas anderem: einem szenenmäßigem Selbstbewußtsein, das man oppositionell sei, wenn man Salsa tanzt, weil der Anlaß Nicaragua gewesen ist. Alles jetzt Überlegungen, Fortsetzungen des Gedankens, sie kommen alle aus: Man muß den Königsweg zum Gewinnen der Leute – das Gewinnen für den Umsturz, den man vorhat – noch auf anderen Feldern suchen, als auf dem der Aufklärung.

Und jetzt noch einen Übergang, der sich dranhängt: Wer das auf einem anderen Feld sucht, der will dann auch nicht, jetzt sage ich einmal, so etwas wie die Autonomie der Massen, die er agitiert, der will auch nicht den bewußten Partner, Genossen schaffen, der das selber weiß, das selber will, und das auch will, wenn ich nicht dabei bin. Sondern jeder, der den Abkürzungstrick probiert, die Leute zu gewinnen, weil sie sicher nicht aufklären lassen, durch Erlebnisse, jeder, der das so macht, ist ein Politiker: Er möchte nämlich der Führer sein von Massen, die sich seine Gedanken so gar nicht machen. Es ist die Stiftung der Identität zwischen Massen und denjenigen, die die umwälzenden revolutionären Gedanken hegen; es ist die Stiftung der Identität zwischen sich und denen, die das gar nicht wollen, ohne daß es der Gedanke ist, der die Identität stiftet. Und das ist die Idee von Manipulation, die die Stiftung der Identität durch den Gedanken, mit dem das so schwer geht, umgeht. Immer Menschen, die sich beauftragen lassen wollen, besser zu regieren. Das hatte mit unserem Anliegen nichts zu tun. Wir wollen die Leute dagegen aufhetzen, daß sie sich nicht mehr regieren lassen wollen! Daß sie nicht immer enttäuscht sind über das schlecht regiert werden, und immer interessiert sind am besser regiert werden. Wir wollen den Leuten sagen: Regiert werden wollen ist der Fehler! Dann wollen und dürfen wir aber nicht selber Techniken des populär werden Wollens ins Auge fassen. Das, was ich vorhin theoretisch gesagt habe – das Stiften einer Identität, die den Gedanken, mit dem es ja immer so schwer geht, umgeht.

Diese Argumente, die früher noch zur Kritik klassisch marxistisch-leninistischer Strategien der „Gewinnung der Massen“ dienten, passen heute auf so Veranstaltungen wie „Beats against fascism“ wie der Strohhalm in den Cocktail. Außerdem verdeutlichen sie sehr gut, warum ich solches Politik-Theater als Verachtung der Adressat_innen ablehne.

Nachtrag: Mir ist gerade aufgefallen, dass „Verachtung der Leute“ noch keine wirkliche Kritik ist. Dies aber schon: Die Leute sollen mit allem möglichen Spektakel ins Boot geholt werden, nur nicht mit Argumenten zur Sache. Das soll ihnen schmackhaft gemacht werden, damit die sich dann gut zur Revolution führen lassen.


7 Antworten auf “Wir wollen die Leute aufhetzen.”


  1. 1 Felix 27. März 2008 um 16:49 Uhr

    Dieser Kulturschnickschnack als Lockmittel/Beiwerk irgendwelcher Polit-Events ist ja nur ein Beispiel für ein allgemeines Problem, mit dem sich Kapitalismus-Kriitiker konfrontiert sehen: Wie gehen sie mit der nicht zu leugnenden Tatsache um, dass kaum jemand ihre Kritik teilt. Die von den meisten Linken bis auf den heutigen Tag praktizierte Stellung ist ebenso traditionell wie fatal. Die „Leute dort abzuholen wo sie stehen“, ihnen in dem was sie über Gott und die Welt so an krausen Vorstellungen im Kopf haben zunächst mal Recht zu geben, damit man überhaupt mit ihnen ins Gespräch kommt, ist ja nichts anderes als praktizierter Opportunismus und eine Verarschung aller Beteiligten dazu. Schlussendlich gibt es eben doch keine Alternative zur Kritik. Dann muss man sich vielleicht von einigen Hohlköpfen die üblichen Beschimpfungen anhören (Sekte, Missionar, Elfenbeinturmbewohner etc.) Aber was soll’s. Die Leute sollen und müssen schließlich überzeugt und nicht überredet werden. (vgl. den Vortrag)

  2. 2 der Klassensprecher von 1984 27. März 2008 um 18:14 Uhr

    Die “Leute dort abzuholen wo sie stehen”, ihnen in dem was sie über Gott und die Welt so an krausen Vorstellungen im Kopf haben zunächst mal Recht zu geben, damit man überhaupt mit ihnen ins Gespräch kommt, ist ja nichts anderes als praktizierter Opportunismus und eine Verarschung aller Beteiligten dazu.

    Exactamundo.

    Man lese sich bloss mal in das offene Forum der Linksjugend ’solid rein (http://forum.solid-web.de/); vom den Sozialismus herbeiwählen lassen, über das Lob des „rheinischen Kapitalismus“, bis hin zu die Leute mit SozialstaatPLUS zu ködern, ist alles Falsche dabei.

    Einer der wenigen vernünftigen Menschen dort scheint ein gewisser „Ralf Lang“ zu sein, der einen einsamen Kampf gegen den Schwachsinn führt.

    Das Forum wird allerdings bald durch ein geschlossenes ersetzt, also wer sich den Unfall ansehen mag, möge dies bald tun.

    Ein anderer Fall ist die in irreführender Weise „marx21″ benannte Gruppierung innerhalb dieser Linkspartei, die sich mit folgendem Text populistisch an die nationalistischen Kulturvolksfreunde Tibets (also die Mehrheit der Leute hierzulande) heranwanzt:
    http://marx21.de/content/view/368/32/

    PS:
    Wendy, wenn du grad‘ eh‘ dabei bist, dir alten Kram anzuhören, dann möchte ich dir zu einem aktuellen Anlass (’68er) folgendes Teach-In empfehlen: „Karl Held (u.a.) zur Studentenbewegung anlässlich eines früheren Jubiläums (ich glaub‘ es war 1988).

  3. 3 Savo Vasic 28. März 2008 um 1:51 Uhr

    Ähm, Klassensprecher, wo widersprichst Du genau dem Beitrag von Felix? (Verständnisfrage)

  4. 4 Wendy 28. März 2008 um 5:53 Uhr

    Garnicht, das ist eine Ergänzung.

  5. 5 Savo Vasic 28. März 2008 um 13:15 Uhr

    Ah sorry, war spät…

  1. 1 Antifa Bürgernah! « Ein Blog- Politik, Musik und anderes. Pingback am 30. März 2008 um 18:27 Uhr
  2. 2 They gonna privatize the air! « Reiten, lesen, Freund_innen treffen Pingback am 28. Januar 2009 um 23:33 Uhr
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