Wem dankt das Gute und Schöne?

Dann will ich den allgemeinen, un- bzw. sogar anti-kritischen Jubelstürmen mal zuvorkommen: Wendy feiert nicht, warum auch und was?
Mir fallen einige Vokabeln ein, wenn ich an die militärische Niederringung des deutschen Faschismus denke. Aufatmen. Innehalten. Trauern. Dankbarkeit. „Feiern“, „jubeln“, „Schaumparty“, gar?
Abgesehen von der Pietätlosigkeit, die sich immer wieder zeigt, sollte auch Gebrabbel wie „Thanks to the Allies“ schleunigst überdacht werden. Gab es denn ein einziges Mitglied in der sog. „Anti-Hitler-Koalition“, die in den Krieg eingetreten ist, weil sie grundlegende inhaltliche Probleme mit dem Faschismus hatte? Die Sowjetunion, sie schloß Verträge mit Nazi-Deutschland ab, sie einigte sich mit den Nazis über die Aufteilung Polens, sie deportierte KommunistInnen, JüdInnen und AntifaschistInnen1 nach Nazi-Deutschland, wo viele von ihnen dem sicheren Tod ausgeliefert waren, all ihre antifaschistischen Bekenntnisse waren nur Phrasen, Großbritanniens Premier Churchill äußerte sich äußert wohlwollend über Benito Mussolini, die USA hatten lange wirtschaftliche Beziehungen zu Nazi-Deutschland und stellten bald nach dem Sieg über Deutschland klar, gegen wen nun – endlich! – die Waffen zu richten seien.
Es muss doch stutzig machen, wie schnell die Sache mit der Entnazifierung gegessen war und wie schnell Deutschland von seinen einstigen westlichen Feinden flott gemacht wurde für die Systemkonkurrenz. Am Ende dieser Entwicklung, die ich einfach mal nur mit Stichworten wie „Marshall-Plan“, „Aufrüstung“, „NATO-Beitritt“ und „Europäische Union“ beschreibe, steht das mächtigste Deutschland der Geschichte.
Wenn ich überhaupt wem danken will, dann ganz bestimmt keinen Staatsgebilden, nicht den USA, nicht Frankreich, nicht der Sowjetunion. Ich danke den einfachen SoldatInnen, die wahrscheinlich noch am besten begriffen, was für ein sinnloser und menschenverachtender Wahnsinn jeder Krieg ist.
Daher habe ich bei dem Lied, das ich an das Ende dieses Beitrages setze, fast schon ein wenig schlechtes Gewissen. Diese heroische Wortgewaltigkeit wird den Entbehrungen, Leiden und Schmerzen und den großen Verlusten an jungen Menschenleben, die die rote Armee zu leisten hatte, ebent nur schlecht gerecht…¹²³

Buchempfehlung: „Der Mythos vom guten Krieg. Die USA und der Zweite Weltkrieg“, Jacques Pauwels.

Dank euch, ihr SowjetsoldatInnen – Ewig währt der Toten Heldenruhm!

  1. „– Buber-Neumann, Frau des Kommunisten Neumann, die von der Sowjetregierung in die sibirischen Lager geschickt worden war, während der Pakt-Zeit mit vielen anderen deutschen und österreichischen Kommunistinnen und Kommunisten an Deutschland ausgeliefert wurde und dort im KZ Ravensbrück bis zur Befreiung zu überleben hatte.“ [zurück]

Nachtrag: schorsch hat noch einen Beitrag geschrieben, der sich mit der Position, die narodnik und ich im Jubeltrubel bezogen hatten, auseinandersetzt. In meinem ersten Diskussionsbeitrag revidierte ich einen Teil dieses Beitrags, nämlich, dass kaum inhaltliche Probleme zwischen den Alliierten und den Nazis bestanden.

Antifaschistisch in Wort und Tat also, da revidiere ich meinen Beitrag gerne, aber bürgerlich und imperialistisch bis ins Mark und kein Bezugspunkt irgendeiner Form von Solidarität!


12 Antworten auf “Wem dankt das Gute und Schöne?”


  1. 1 besserscheitern 07. Mai 2008 um 16:50 Uhr

    Ist zwar schon alt aber dennoch zutreffend. Olle Teddy über die Schwierigkeit der Ungerechtigkeit eines Krieges mit Pop beizukommen:

    http://de.youtube.com/watch?v=Xd7Fhaji8ow

    Man kann und sollte die Tragweite oder den Erklärungswert der Kulturindustriethese heute durchaus kritisch bedenken (auch wenn Germanys Next Top Model und Co. die schlimmsten Alpträume aus dem Kapitel noch übertreffen) aber in diesem Punkt hat er meiner Meinung nach noch immer völlig Recht.

  2. 2 Wendy 07. Mai 2008 um 16:57 Uhr

    Ich kannte das noch nicht, würde dem aber auch Recht geben.

  3. 3 Experte 07. Mai 2008 um 18:57 Uhr

    Eine gute Rede zum 8. Mai hatte mal jemand von Monochrom auf dem Befreiungsfest am 8.Mai 2005 in Wien gehalten. Im Gegensatz zu den meisten Antifagruppen verstehen die es zumindest Reden zu halten. Ist zwar auf Österreich bezogen, aber vieles passt auch generell.

    http://www.servus.at/VERSORGER/66/2005_3.html

  4. 4 Wendy 07. Mai 2008 um 23:53 Uhr

    „Unsere Ehre heißt Reue“… Aua… Da steckt so viel Falsches drin…

  5. 5 Experte 08. Mai 2008 um 8:29 Uhr

    Jaja, immer schön auf Stichwörter anspringen. ;) Er hat doch vorher klar gemacht, wofür es nicht steht. Sicher ist die Rede nicht perfekt, aber immer noch besser als, dass was man sich sonst so alles zu dem Thema anhören muss.

  6. 6 Wendy 08. Mai 2008 um 11:51 Uhr

    Ich finde das Lied in diesem Beitrag kommt dem Ganzen schon besser bei…

  1. 1 Nein. Hier gibt es keine Beweihräucherung. « NARODNAJA Pingback am 08. Mai 2008 um 2:50 Uhr
  2. 2 8.mai: спаcибо! merci! thank you! « im*moment*vorbei Pingback am 08. Mai 2008 um 10:36 Uhr
  3. 3 Musik Bloggen « try again. fail again. fail better. Pingback am 08. Mai 2008 um 11:14 Uhr
  4. 4 derbe dreiste trittbrettfahrerei « blackone Pingback am 08. Mai 2008 um 15:49 Uhr
  5. 5 Nachvormai « Schorsch’s online Journal Pingback am 09. Mai 2008 um 14:22 Uhr
  6. 6 1up. « Reiten, lesen, Freund_innen treffen Pingback am 25. Juni 2008 um 12:33 Uhr
Die Kommentarfunktion wurde für diesen Beitrag deaktiviert.