Meine erste und letzte antiimperialistische Kommando-Aktion; warum aufstachelnder Terror einfach nicht funktioniert.

Die Nachwendezeit. Ein halbes Land in national-trunkener Freude über den Blödsinn, den es veranstaltet hat und eine daniedergehende Wirtschaft. Teilweise Auflösung der alten sozialen Strukturen, sei es Partei- oder Hausgemeinschaft.

Mitten drin: Ich. Im Kindergarten. Wie immer versuche ich den Auftrag, den mir die Geschichte und das Proletariat gegeben haben, auszuführen. Proletarische Weltrevolution, in drei, zwei, eins, jetzt! Auftrag der Stunde: Bewahrung des politischen Restbewusstseins, Klassenbewusstsein auch unter den Jüngsten vergrößern. Die Eltern hatten es vergeigt, wir mussten es richten. So sollte der Bolschewismus innerhalb einer Generation wieder siegen. Das nächste Mal galt es der Destabilisierung des Systems durch fremde Geheimdienste noch sorgfältiger vorzubauen.
Mitten in diese Phase der halbillegalen Parteiarbeit fiel eine große Herausforderung für die politisch bewusste, objektiv revolutionäre Kinderschaft, die zugleich eine große Chance sein konnte. Das fremde Kapital machte auch vor unserem Kindergarten nicht halt, Arbeiter wurden beauftragt, unseren Laubhaufen, auf dem es sich vorzüglich spielen ließ, abzutragen. Da wurde nicht „nur“ die Plünderung unserer nationalen Ressourcen versucht, es wurde auch eine Quelle der Freude und damit der Kampfesmoral angegriffen. Das anstatt des ehrlichen Arbeiterspaßes bald „Micky Mouse“, Coca Cola und Westfernsehen die Szene dominieren sollten, lag auf der Hand.
Gegen diese Attacke organisierte sich auch ohne Zutun der Partei spontaner Widerstand. Mir fiel nur noch zu, der noch unbewussten und naiven Bewegung die Richtung zu weisen. Lenins strahlendes Avantgarde-Prinzip und das Wissens darum, dass die Partei trotzdem den Aufstand niemals erzwingen kann oder herbei palavern kann, fanden hier wieder einmal in dialektisch-materialistischer Weise zusammen.
Glücklicherweise standen mir einige verdiente und prinzipientreue Arbeiterkinder zur Seite, denen ich organisatorische Aufgaben übertragen konnte. Als ich aufbrach, um im Lager „unserer“ kollaborierenden Bourgeoisie wertvolle Informationen einzuholen, bot sich mir ein stolzes Bild: Die demokratischen, fortschrittlichen und sozialistischen Kräfte standen vereint zur Verteidigung unsere nationalen Gutes bereit. An ihrer Kampfkraft, an ihrem Willen musste jeder Angriff zerschellen!

Natürlich diskutierte auch der Klassenfeind die überraschende revolutionäre Dynamik. Mit markigen Worten und Durchhalteparolen wurde allen Fakten zum Trotz zum Angriff geblasen. Die Kindergartenleitung konnte es nicht wissen, aber mit diesem letzten Schritt des Verrats vollendete sie ihre Delegitimierung. Nun musste die proletarische Jugend zur Rätebildung schreiten.

Als mich meine ruhigen Schritte allerdings in Richtung der sozialistischen Morgenröte trugen, musste ich schockiert feststellen, dass meine – ehemaligen – Genossinnen und Genossen nun mithalfen, den Laubhaufen abzutragen. Keine Gewalt musste sie zwingen: Auch sie wurden mit einer geringen Beteiligung an der Ausplünderung und mit dem Versprechen auf andere, größere, westliche Vergnügungen gekauft.
Auch wenn die Klasse verwirrt war und subjektiv falsch handelte, die Schuld lag objektiv bei mir, hatte ich doch naiv auf ihre Spontaneit„t vertraut, anstatt mit ihrer ideologischen Schulung fortzuschreiten. Von dieser Arbeiterseligkeit, die Lenin doch schon in seinen Werken mit den Ausführungen über den Trade-Unionismus verhütet hatte, schlitterte ich, aufgewühlt wie ich war, in den Linksradikalismus – wie wir alle wissen Kinderkrankheit des Kommunismus.

Nur eines konnte in meinen Augen den Niedergang des Klassenkampfes verhindern, ein Fanal musste herbei und ich wollte es – koste es, was es wolle! – entzünden. Nicht einmal die Begrenzheit meiner Mittel, die National Volksarmee, die Volkspolizei und die Staatssicherheitsbehörden waren ja aufgelöst und entwaffnet, konnte mich von meinem Vorhaben abbringen. Bewaffnet, einzig und allein mit einer Tasse heißen Tees trat ich Tor_in dem Imperialismus entgegen. Wenigstens bot sich eine günstige Situation: Der Führer der arbeiteraristokratischen Bauarbeiterriege und die Kindergartenleiterin standen beisammen. Mit einem Schlag konnte ich sie also beide erwischen. Nun gut, da habt ihr’s! Leider trat der Pseudo-Arbeiter im Augenblick der Tat zur Seite, mein Geschoss traf also nur die Kindergartenleiterin. Zu allem Unglück hatte sich mein Heroismus nun auch noch an einer Marionette abreagiert…

Was nun folgte sollte mir den Blödsinn des aufstachelnden Terrors ein für alle Mal – zu spät – vor Augen führen. Anstatt das sich die Klasse besann, glaubte sie bereitwillig die Lügen der Herrschenden. Ich stand nun als blutrünstiger Terrorist da, ich und nicht etwa das System der Schweine war auf einmal moralisch delegimiert! Obschon ich wusste, wieweit die ideologische Desorientierung der Klasse fortgeschritten war, glaubte ich, sie durch die Eliminierung einer oder zweier Charaktermasken wieder auf Kurs bringen zu können. Die Verwirrung musste auch mich ergriffen haben. Hatte ich alles vergessen, was Genosse Wladimir Illitsch Lenin in seiner Schrift „Über den bewaffneten Aufstand“ geschrieben hatte? Wusste ich nicht mehr, was die Bolschewiki ihren deutschen Genossen nach der Novemberrevolution über alle Grenzen hinweg zu riefen? Die Revolution vorranbringen und dabei unbedingt vom Putschismus und vom unverantwortlichen Abenteurertum lassen? Hatte ich das Schicksal des Berliner Spartakusaufstandes, der roten Ruhr-Armee vergessen?

Für die Klärung all dieser Fragen blieb mir viel Zeit in einsamen Kritik-Selbstkritik-Sitzungen. Der Kindergarten sollte sich nie wieder von den Folgen meines Abenteurertums erholen. Alle Partei- und Vor-Partei-Strukturen zerfielen. Bald verließ auch mich der revolutionäre Eifer, ich wurde zum Zyniker und erst über zehn Jahre später sollte auf den Pfad des Sozialismus zurückfinden.


16 Antworten auf “Meine erste und letzte antiimperialistische Kommando-Aktion; warum aufstachelnder Terror einfach nicht funktioniert.”


  1. 1 coole sau 17. Dezember 2008 um 16:36 Uhr

    Hahaha. That’s gute Unterhaltung. Nur irgendwie sind dir alle Äs, Ös, Üs und so abhanden gekommen ;)

  2. 2 rockstar 18. Dezember 2008 um 0:12 Uhr

    schönes ding. klingt aber nicht durch zufall wie wenn bernd langer in operation 1653 seine großen schlachten erzählt, oder?

  3. 3 Wendy 19. Dezember 2008 um 11:50 Uhr

    1. Klingt das nicht so und 2. verweist Bernd Langer in seinem Buch nicht ständig auf leninistische Klassiker. Klingt halt eher ML-like.

  4. 4 Wendy 19. Dezember 2008 um 12:07 Uhr

    So, Umlaute in Ordnung gebracht.

  5. 5 rockstar 19. Dezember 2008 um 14:28 Uhr

    ich les das buch grad und es erinnert mich doch arg daran. nungut, ungewollt.

  6. 6 besserscheitern 19. Dezember 2008 um 14:56 Uhr

    Hammergeil! Obwohl nicht einmal Alkohol drin vorkommt.

  7. 7 rockstar 19. Dezember 2008 um 15:01 Uhr

    ihr mecklenburger seid immer so einfach zufrieden zu stellen. das mag ich an euch. ;)

  8. 8 besserscheitern 19. Dezember 2008 um 15:06 Uhr

    P.S.:

    Bei mir verhielt es sich allerdings eher anders. Ich empfand den Zwang in der Kantine Fisch oder auch Rote Beete essen zu müssen tatsächlich als Diktatur des Proletariats. Jung und blind wie ich war konnte ich nicht erkennen, dass die WerbetexterInnen des Zivilisationskampfes, die die kapitalistische Ontologie verteidigen eigentlich nur auf das Mitleid erregende Endstadium einer zugerichteten Subjektivität verwiesen, die den längst armselig gewordenen Warenkonsum ideologisiert. Doch die Mauer fiel, Tielkühlpizza und Fanta auf Lebenszeit waren mir gegönnt.

  9. 9 Wendy 19. Dezember 2008 um 23:15 Uhr

    Das von besserscheitern werde ich noch dreimal lesen müssen, um durchzusteigen.

    Apropos „leicht zufrieden zu stellen“: Du (rockstar) liest gerade zum zweiten Mal (!) das Machwerk von Bernd Langer. Glashäuser und so.

  10. 10 rockstar 21. Dezember 2008 um 1:06 Uhr

    als ob das lesen eines buches zufriedenstellend wär. es ist doch vielmehr die erkenntnis, die ich aus dem buch ziehe, indem ich es reflektiere.
    und dieses buch sagt nunmal auch viel über die autonome bewegung und den revolutionären antifaschismus aus.
    oder meinst du, dass es mich interessiert, wie der typ da irgendwo durch new york, amsterdam oder hamburg schlendert?
    tut es nicht.

  11. 11 Wendy 21. Dezember 2008 um 6:18 Uhr

    Warum sollte ein so subjektiv wie möglich gehaltenes Buch Wissen über irgendetwas vermitteln? Eine gewisse Distanz zum beschriebenen/analysierten Objekt muss sein, damit subjektives Geschwafel und falsche/beeinflusste Eindrücke von der Realität getrennt werden können.

  12. 12 No matter 21. Dezember 2008 um 11:20 Uhr

    Und du glaubst nicht, dass du dich verrenst, wenn du meinst, dass du die Realität erkennen könntest, ohne ein Subjekt, das sie erkennt (womit es eben subjektive Erkenntnis ist)?

    Aber es lässt sich schon machen, indem das Subjekt seine subjektive Erkenntnis nach Subjektivem durchsucht und dies wegen diesem subjektiv gewählten Maßstab streicht, um dann ein leeres Blatt Papier übrig zu behalten…

  13. 13 Wendy 21. Dezember 2008 um 14:08 Uhr

    Was willst du PoWi-/Philo-Spast denn jetzt von mir? Verpiss´ dich und bete, dass wir uns nie über den Weg laufen.

  14. 14 No matter 21. Dezember 2008 um 17:22 Uhr

    Ach, wendy. Das auf jeden Fall.
    DAS auf jeden Fall…

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