Die zitty sagt, was wirklich zählt.

Wer die zitty liest und das schon seit geraumer Zeit, der sollte sich über die mangelnde Qualität dieses Stadtmagazins nicht wundern. Ich habe seit Monaten, vielleicht sogar nach Jahren, erstmals wieder hineingeschaut, das Inhaltsverzeichnis kam mir tatsächlich interessant vor. Im Nachhinein weiß ich nicht, was mich trieb, als ich es interessant fand, dass die zitty sich als allerletzte mit „der Krise“ beschäftigt hat und ihrem Konzept folgend in einen Satz, der „Die Krise“ enthält, noch „Berlin“ gepackt hatten und das nun zueinander bringen musste. „Keine Lügen, kein Schein, kein Glamour – in schweren Zeiten der Krise entdeckt Berlin… was wirklich zählt“. Wow, das ist Journalismus, wie wir ihn kennen und lieben: „Scheinbar (sic!)“ Bekanntes mal aus einem ganz anderen Blickwinkel betrachtet!
Berlin, das ist für die Redaktionsmitglieder der zitty nicht einfach nur eine verdammt geile Stadt mit allerlei Ecken und Kanten, in der es sich trotzdem vorzüglich leben lässt, einfach weil es Berlin ist und gut ist. Einfach hier zu leben und Berlin als das zu nehmen, was es ist, nämlich Berlin, das reicht den zitty-Leuten schonmal nicht. Da muss es mehr seien: Wie Barcelona, zum Beispiel oder mit einer Club-Szene fast wie New York. Barcelona und New York, das sind natürlich auch nur Projektionsflächen für getriebene bürgerliche Individuen wie zitty-Redakteure.

Über „die Krise“ – was das eigentlich sein soll –, wie sie diese Stadt und den Menschenmüll, der in ihr lebt, trifft, darüber schreibt die Matthias Kalle, der Chef-Redakteur der zitty lieber nicht. Das wäre auch uninteressant, gerade für die neue Leserschaft der zitty, also Leuten, die Yuppie-Pissern. Denen kann mal als „Berlins (sic!) beste Depressiva“ schon mal empfehlen, sich in Österreich eine Ferienwohnung zu mieten und zwei Tage lang mit Rodeln durchzubringen…
„Wie werden sie denn nun, die Zeiten, die vor uns liegen? Vor allem hart – und das sollten wir als ein Geschenk betrachten.“ orakelt Kalle. Daneben schaut uns ganzseitig ein Yuppie-Pärchen durch ein regenverhangenes Fenster an. Man hat sich selber und sie wie das Frauchen einen anschaut, na, da kann schon einiges kommen. Verblüffend, wie dieser scharfsinnige Kalle einem „die Krise“ mal anders präsentiert! Super hey, so oder so, ich kriege weniger Geld rein, mein Leben wird anstrengend, richtiggehend hart sogar – aber immerhin kann ich dann die Sachen, auf die ich zurückgeworfen werde, als „wirklich wichtig“ verklären. Da würde ich sogar mitgehen: Überlebenskampf ist schon wirklich wichtig
Wirklich überraschend sind die Überlebenstipps des Schreiberlings nicht: Im Privaten, engen Freundes- und Familienkreis liegt die Kraft, die Krise durchzustehen, wenn Staat und Wirtschaft einen schon nicht mehr durchfüttern können… Natürlich sollte man nicht mehr mit einem Leben in Saus und Braus rechnen.
Ein Bild von drei Yuppie-Bastarden, die verdammtnochmal ausgelassen-fröhlich die Krise und alles, was sie mit sich bringt, feiern, als gäbe es kein Morgen mehr (hm, garnicht so schlechte Metapher), steht der selten dämliche Text „Krisen bringen die Individuen näher zusammen, jeder fühlt sich als Teil einer Gemeinschaft“. Wäre ich tatsächlich so antideutsch, wie der lysis behauptet, wäre es ein leichtes, dieses Gequatsche als faschistoid zu denunzieren. Letztendlich lügt die zitty. Ohne jede Begründung stellt sie alle Härten und Herausforderungen als tolle Chancen dar. So wird einem der Kapitalismus immer schmackhaft gemacht, abstrahierend von seiner barbarischen, grausamen Realität soll man ihn gut finden, irgendwo wird sich schon ein guter Aspekt finden lassen, wenn man nur „richtig“ hinschaut.
Diese Masche verfängt oft genug, wahrscheinlich weil es einfacher und beruhigender ist, sich eine Krise als Wink mit dem Zaunpfahl, man solle sich doch auf die tollen Sachen, die „wirklich zählen“, zurückbesinnen, die sind sowieso besser… ähm … *hust* … gabs doch früher auch schon und niemand hat sich beschwert … bitte weitergehen … is´ gut jetzt ja? muss man jetzt alles begründen oder was?!

Die Krise als Chance also, dass daraus etwas Neues, etwas Besseres entsteht – etwas, mit dem wir alle besser zurechtkommen. Eine neue Härte kann da nur helfen, denn damit können wir uns entscheiden und uns leichter von Dingen trennen, die nur belasten – und dafür die Dinge wählen, die bleiben sollen.
Nehmen wir es doch einfach mal so. Als Entscheidungssituation. Und wir entschieden uns für eine Revolution, in der wir unser Leben überdenken und ändern. Hart und privat.

Wohlstand, Sicherheit, Luxusgüter… Das belastet doch uns doch eigentlich nur. Zwar fällt uns das erst auf, wenn wir uns von diesen Dingen trennen müssen, aber das wird schon seine Richtigkeit haben.
Wenn man die Möglichkeit, etwas Besseres als den Kapitalismus zu versuchen, nicht sieht, dann richtet man sich in ihm ein. Irgendwie. Man „muss“ ja.

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Möge also das Redaktionsgebäude der zitty einem Feuer zum Opfer fallen und etwas Neues, Besseres daraus entstehen. Eine jahrelang ungenutzt bleibende Brachfläche zum Beispiel.


6 Antworten auf “Die zitty sagt, was wirklich zählt.”


  1. 1 deadrat 27. Februar 2009 um 16:57 Uhr

    Da ist echt eine Menge Hass in diesem Artikel.

  2. 2 Wendy 27. Februar 2009 um 17:02 Uhr

    Nö. Aber mein Schreibstil mag das vielleicht verschleiern.

  3. 3 deadrat 27. Februar 2009 um 19:11 Uhr

    Wobei irgendwie wahr mein Kommentar auch ziemlich dämlich, nehms hiermit zurück. Artikel ist gut geschrieben, meine Erfahrung mit Stadtmagazinen ist ähnlich und trotzdem will ich sie manchmal nicht missen. Was den Terminteil angeht versteckt sich das ein oder andere Juwel in solchen Zeitschriften, auf die man sonst nicht gekommen wäre.

  4. 4 Wendy 27. Februar 2009 um 20:44 Uhr

    Ja, ich wusste zum Beispiel nicht, dass Robyn heut im Postbahnhof spielt, aber leide habe ich ja schon was anderes vor.

  5. 5 Keta Minelli 28. Februar 2009 um 2:44 Uhr

    Da sieht man doch recht schnell den Nachteil dieser ganzen von Halbwissen und Zuspätkommen bestimmten Blättchen: Das Konzert mit Robyn ist anscheinend ausgefallen, ihr Gig in Hamburg ebenfalls gecancelt.

  1. 1 „zitty“, der Quell der Langeweile. « Reiten, lesen, Freund_innen treffen Pingback am 10. September 2009 um 12:30 Uhr
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