20 Jahre 1. Mai: Was war noch der Sinn dabei?

…so ließe sich die Sprüchekiste ergänzen, „100 Jahre DGB tun dem Kapital nicht weh!“ und „20 Jahre Antifa: Deutschland ist noch immer da!“ gibts ja schon…

Der ehemalige internationale Kampftag der Arbeiterklasse ist mittlerweile vollständig polit-folkloristisches Spektakel, Teile der linken Szene haben als „AG Kiezkultur von unten“ mit dem ehemaligen Aufstandsbekämpfungsprogramm Myfest ihren Frieden gemacht und bieten eine von vielen Bühnen auf der Amüsiermeile an. Leider verfehlen sie in autistischer Manier das Thema: „Beats against fascism“ bzw. „Barrio Antifascista“ ist das Motto. Ich hoffe, die Kreuzberger Kameradschaften nehmen sich das zu Herzen. Wenigstens ein Tag im Jahr, den man als erkennbarer Linker, Migrant, Schwuler oder anderer Mensch, der nicht in das streichholzschachtelgroße Weltbild der Nazis passt, relaxt am dem Kottbusser Tor verbringen kann!

Alle Welt feiert den im negativen Sinne trashigen YouTube-Mobi-Clip, der versucht mit plattesten Parolen zu punkten. Den größten Teil der Mobilisierung übernehmen derweil Michael Sommer, seines Zeichens Chef des Deutschen Gewerkschaftsbundes, die Berliner Polizei-Gewerkschaft und der Berliner Innensenator. Diesem Teil des 1. Mai-Bündnisses kann man nur eine bisher nicht dagewesene Professionalität konstatieren. Die Medien fressen ihm aus der Hand, Sommers geschickt in die Vor-Mai-Phase platzierte Warnung vor sozialen Unruhen fand sich in jeder Zeitung, oft mit dem Hinweis auf seine süffisante Provokation, aufgrund der Stumpfheit und der Feigheit des deutschen Proletariats würde es wohl nicht zu Unruhen kommen. Sommer macht die Leute heiß, Polizei-Gewerkschaft und Innensenator Körting vermitteln die Botschaft: Hier geht einiges!

Hinzukommen die Ultras des griechischen Vereins Olympiakos Piräus, deren Basketball-Herrenmannschaft in der O2-Arena auf die verhassten Feinde von Panathinaikos Athen trifft. Olympiakos gilt als Arbeiterverein, die Fans sollen linksgerichtet sein. Sie wurden nun auch offiziell vom Demo-Bündnis eingeladen. Da es griechische Ultras gerne mal krachen lassen, wird nun von einem Notstand der Berliner Polizei geredet, Teile der Presse haben Angst vor einer Allianz „Autonome-Hooligans“.

Ganz anders als erwartet wird sich indes das Spektakel gegen die Gentrifizierung von SO36 richten: Wie in den Vorjahren ist damit zu rechnen, dass einige Dutzend betrunkene auf Krawall gebürstete Yuppies in der Endphase des Festes festgenommen werden… Wenn schon die Linken den Yuppies nicht auf die Fresse hauen, machts halt die Polizei.

Einige Perlen der linken Geschichte dokumentiert die „Bild“–“Zeitung“ und schraubt auch weiter kräftig an der dahergeredeten Gewaltspirale. Wenn ich allerdings lese, dass die arab den diesjährigen 1. Mai in der Tradition des Berliner Blutmais sieht, kriege ich ein wenig Angst. Rechnet man mit dutzenden Toten und unzähligen Verletzten durch einen Schusswaffeneinsatz der Polizei? Wird die arab jetzt endlich ihrem Ruf als Märtyrer-Style-Dschihad-Truppe gerecht?

Auf dem Lautsprecherwagen der 18 Uhr-Demo hat Sinan das Mic und ihr hört ihm alle zu. Der Sohn seiner Klasse macht marxistisch-leninistischen Rap. Geil, oder?

Mein Fazit: Als politisches Ereignis, als Teil einer revolutionären Strategie mag der 1. Mai versagt haben; als politisch eingefärbte Folklore mit riesigem subkulturellem Angebot ist er trotzdem ein Datum, dass dick angestrichen in meinem Kalender steht!

Achso: Was ist eigentlich „MayDay“, was steht da hinter? Erklärungen und Ergänzungen in der Kommentarspalte sind erwünscht!


20 Antworten auf “20 Jahre 1. Mai: Was war noch der Sinn dabei?”


  1. 1 Keta Mineli 30. April 2009 um 9:49 Uhr

    „Als Schwuler“ hänge ich aber deutlich relaxter am Kotti rum, wenn die ganzen Arschgeigen sich da nicht zu schlechter Musik versammeln. Aber ich komm auch mal rum – sogar mit Handschuhen (von Gucci).

  2. 2 Wendy 30. April 2009 um 13:59 Uhr

    Gucci, naja! Verlink‘ die Dinger doch mal, damit ich sie mir mal anschauen kann. Sinds wenigstens Lederhandschuhe?

    Du bist doch sowieso bei allem, was die Bewegungslinke so auf die Beine stellt dabei.

    P.S.: Kennt wer griechische Parolen oder Piräus-(Anti-Pana-)Chants? Wenn ja, bitte hier ergänzen!

  3. 3 Kotti Kamerad 30. April 2009 um 15:20 Uhr

    Da möchte ich auch Leben, als solventer „Szenemultiplikator“ im Lala-Land mit Gucci-Handschuhen und „überall dabei“, ein rechter VIP!! Schon geil, solch eine Parallelrealität. Blöde nur, dass es außer vier Blogsport-Nerds keiner mehr glaubt.

  4. 4 Entdinglichung 30. April 2009 um 16:34 Uhr

    http://home.wanadoo.nl/maarten.geluk/songs/olympiakos.html … weiss aber nicht, was das genau bedeutet ;-(

  5. 5 Keta Minelli 30. April 2009 um 18:43 Uhr

    Ey, das ist Rufmord!

  6. 6 besserscheitern 01. Mai 2009 um 8:34 Uhr

    Nich insolvent sein? Solchen Rufmord hätte ich gerne, wenn er war wird! :P

  7. 7 Dominic 02. Mai 2009 um 9:32 Uhr

    „suizid, pädophile – produkt des systems!“
    „wir sind das volk“

    unlecker.

  8. 8 Wendy 02. Mai 2009 um 11:15 Uhr

    Indeed. Wobei der Sinan wie einer scheint, mit dem man auch über soetwas diskutieren kann.

    Ansonsten haste halt bei der Demo alle Arten von Deppen – egal, ob als Fußvolk, im Lauti oder als Gaffer.

  9. 9 Zitat aus dem Indymedia-Artikel zur Demo 02. Mai 2009 um 17:55 Uhr

    Die kleine Recherche verrät…
    Informierter 02.05.2009 – 17:42
    2 Anmerkungen.

    1. Der Vertreter der ARAB auf der Pressekonferenz der 18 Uhr-Demo hat N I C H T gesagt, dass diese Demo in der Tradition des Blutmai von 1929 steht. Er sagte, dass der 1.Mai in der Tradition der historischen Arbeiterbewegung steht, die mit dem Blutmai 1929 einen bitteren Tiefschlag erlitten hat.

    2. Die Demonstration wurde tatsächlich auf Willen von Demoleitung und Anmelder vorzeitig und mit gekürzter Route beendet. Für die Umsetzung war natürlich auch die Einwilligung des Versammlungsleitenden Polizisten notwendig.

  10. 10 lulala 05. Mai 2009 um 15:22 Uhr

    „Wenigstens ein Tag im Jahr, den man als erkennbarer Linker, Migrant, Schwuler oder anderer Mensch, der nicht in das streichholzschachtelgroße Weltbild der Nazis passt, relaxt am dem Kottbusser Tor verbringen kann!“
    Ich stimme dem Text ja zu, aber hier drehst du ein wenig am Rad.

  11. 11 Wendy 05. Mai 2009 um 17:16 Uhr

    Das ist auch, eigentlich ganz gut erkennbare, Ironie, die auf den Unsinn abzielt, gerade in Kreuzberg 36, am Kottbusser Tor, ein „Barrio Antifascista“ im „Beats Against Fascism“-Stile zu veranstalten. Sowas ist ja sonst eher zweifelhafte Strategie der Antifa, um in Nazi-Kiezen Nazi-Dominanzen zu bekämpfen.

  12. 12 lulala 06. Mai 2009 um 0:28 Uhr

    AAAAH. Schreib das doch das nächste Mal in Klammern dahinter, ich habe eben echt minutenlang überlegt, wie du drauf kommst.

    Ich ziehe meinen Kommentar verschämt zurück.

  13. 13 Soviets 07. Mai 2009 um 21:48 Uhr

    Das hätte der Beginn einer wunderbaren Freundschaft werden können aber wieso muss denn hier der ML-Türke (was auch sonst) Sinan direkt als Djihadler diffamiert werden ? Der Rap ist gar nicht mal so schlecht.

    Ansonsten recht amüsanter Text, ich wünschte ich könnte schreiben. Naja, bleib ich halt beim 3-Sätze-Blog.

  14. 14 Wendy 07. Mai 2009 um 22:00 Uhr

    Gib‘ mir noch ne Chance! Der Satz wurde mir jetzt zurecht schon mehrmals angekreidet. Ich wollte eigentlich flapsig auf den manchmal ans religiöse erinnernde revolutionären/missionarischen Eifer der MLer verweisen und auf deren Heiligenverehrung.

    Ich nehm‘ den Satz aus dem Beitrag.

  15. 15 Soviets 08. Mai 2009 um 13:30 Uhr

    Yay! :D
    Na gut, ich muss sagen ich hab bei Sinan an einigen Stellen auch bedenken („Gnade erfahren vor dem allmächtigen Vater“ äh whooot bidde) aber äh Musik kann man ja zynischerweise eh als rechts bezeichnen (…Torsun) und von daher ist es ja auch egal ich rede einfach mal was weiter, machs gut.

  16. 16 Wendy 08. Mai 2009 um 16:36 Uhr

    Wer MaKss Damage feiert, sollte sich über sowas nicht aufregen. ;)

  1. 1 Politfolklore mit subkulturellem Angebot « Analyse, Kritik & Aktion Pingback am 30. April 2009 um 10:38 Uhr
  2. 2 Klassensohn « meta.blogsport Pingback am 30. April 2009 um 18:50 Uhr
  3. 3 Alle Jahre wieder… Plädoyer gegen den 1. Mai im Allgemeinen und Speziellen. « Momente – Gesellschaftskritik, Aktueller Diskurs und Nachrichten aus der Provinz Pingback am 01. Mai 2009 um 14:37 Uhr
  4. 4 Erster Mai, es ist nichts vorbei! « Gratis Mittagsbueffet & Happy Hour-Angebote Pingback am 02. Mai 2009 um 20:33 Uhr
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