Schnauze voll vom Volk.

Ich dokumentiere in Auszügen die Antwort der Redaktion des GegenStandpunkt auf einen Leserbrief in der aktuellen Ausgabe, dessen Autor „entschieden widersprechen [möchte], die westlichen Staaten als Demokratie zu bezeichnen“ (so die Überschrift). Der Brief selbst und die gesamte Antwort der Redaktion sind auf neoprenes Blog zu finden.

Weißt du überhaupt, was ein Volk ist? Du stellst dir darunter eine Masse kleiner Leute vor, die in ihrem Leben nur ein bisschen Spaß haben und in Frieden ihre Kinder großziehen wollen. Mit dem real existierenden Volk hat das nichts zu tun. Das Volk ist ein Ensemble von wüsten Gegensätzen, die von seiner rechtmäßigen, rechts- und sozialstaatlichen Obrigkeit straff durchorganisiert werden. Widersprüchlich sind nicht nur die Interessen von Eigentümern und Nichteigentümern, Käufern und Verkäufern, Arbeitern und Unternehmern. Widerstreitend sind die Interessen der Volksgenossen auch da, wo sie das Gleiche wollen, also nach marktwirtschaftlicher Logik Konkurrenten sind. Selbst die unschuldigsten natürlichen Unterschiede von jung und alt, gesund und krank verwandeln sich unter sozialstaatlicher Regie in entgegengesetzte Positionen, die sich mit erbitterter Missgunst bedenken. Alle Konflikte sind penibel geregelt: Eine gewaltige Gesetzgebungsmaschinerie kümmert sich um um nichts anderes als darum, die eingerichteten Gegensätze zwischen den Volksteilen haltbar und für den Fortschritt der Nation fruchtbar zu machen. Jedes erlaubte Mittel zu ihrer sozialverträglichen Austragung ist in seiner Eigenart und Reichweite definiert; alle schönen und weniger schönen Konsequenzen der Interessenkollisionen werden bedacht, sind bereits vorweggenommen und gesetzlich geregelt oder werden nachsorgend betreut.
Diese Aufsicht über die Konkurrenz ist die Dienstleistung des Staates, nach der die Konkurrenten als ihrem unverzichtbaren Lebensmittel verlangen. Der gemeinsame Wille zur Unterordnung unter die staatliche Herrschaft stiftet überhaupt erst die Gemeinsamkeit, die eine Bevölkerung zu einem Volk werden lässt: Zu einem politischen Kollektiv von Konkurrenten, die ihre Gegensätze um die paradoxe Bereitschaft ergänzen, von diesen Gegensätzen abzusehen, weil sie deren staatlich organisierten Fortgang als ihre elementare Existenzbedingung nehmen. Als geordnete Masse ist das Volk Produkt, Basis und Werkzeug der staatlichen Herrschaft und hat keinen anderen Willen als den zur Unterordnung unter die staatliche Gewalt. In Ausübung dieses Willens bestellt das Volk deren Agenten in demokratischen Wahlen und fordert dafür in aller Untertänigkeit, dass dieser gute Wille mit gutem Regieren belohnt werden möge.
Und diser ungemütliche Haufen – das Volk – übt Dir in der Demokratie zu wenig Macht aus? Wir jedenfalls haben von ihm und seinem demokratisch-konstruktiven Zusammenwirken mit seiner Herrschaft schon ziemlich lang die Schnauze voll.


Apropos Nationalismus: Die junge linke gegen Kapital und Nation bietet, wie von „Tipp“ in meiner Kommentarspalte beworben, am 02.10 im Lokal Monarch in der Skalitzer Straße 134 eine Diskussionsveranstaltung zum Nationalismus an und erklärt, warum sie diesen nicht in einen guten und einen schlechten Nationalismus scheiden möchte. Die Veranstaltung beginnt um 19:00 Uhr. Dies findet anscheinend im Rahmen des „No Nation“-Konzerts der „North East Antifascists“ statt. Ich begrüße das. An dieser Stelle einen herzlichen Glückwunsch an die NEA, die es nach drei Jahren „No Nation“-Party geschafft hat, ihrem Spektakel einmal eine inhaltliche Auseinandersetzung mit dem Objekt ihrer Feindschaft anbeizustellen.


5 Antworten auf “Schnauze voll vom Volk.”


  1. 1 Neoprene 30. September 2009 um 19:59 Uhr

    Erstens ist der Disput nicht nur bei mir zu finden, der Verlag hatte den selber auch schon veröffentlicht, was ich nur noch nicht bemerkt hatte http://www.gegenstandpunkt.com/gs/09/3/gs20093c07h1.html .

    Zweitens gibt dafür auf meinem Blog eine aus der Debatte um die Parole „Wählen ist verkehrt“ entstandene mittlerweile recht ausgeuferte Diskussion um den Volks-Begriff des GegenStandpunkt, bei der mit Klaus Unruh und Nestor immerhin auch zwei Genossen, die dem GegenStandpunkt nahestehen, gegen libelle/hinweis, Krim, star wars und mich anargumentieren. Wer also unsere alten Händel in dieser Sache noch nicht kennt, sie sind ja bei Ex-MPunkt, dem Forum Kapitalismuskritik von Vallo und auch bei mir nachzuverfolgen, der kann das hier nachholen:
    http://neoprene.blogsport.de/2009/09/24/der-volks-begriff-von-hinweis/

  2. 2 Wendy 01. Oktober 2009 um 15:20 Uhr

    Danke für die Hinweise. Zum Leserbrief: Ich habe meistens keine große Lust, viel am PC-Bildschirm zu lesen, daher habe ich einen kürzeren und meiner Meinung nach besonders lesenswerten Teil des Textes herausgenommen und so „gehighlightet“. Da es ums Volk geht, ist vielleicht auch die Diskussion bei dir ganz interessant.

  3. 3 so ein schons 04. Oktober 2009 um 3:42 Uhr

    lesen ist allgemein überschätzt. ehrlich.

  4. 4 alma mater 04. Oktober 2009 um 23:09 Uhr

    die nea hat sich vor ort bei der veranstaltung dann allerdings eher blamiert. so schloss der moderator von ihnen an das referat ein coreferat an, dass offenbarte, dass er entweder von dem jl-gesagten nichts verstanden oder einfach nicht zugehört hatte.

  5. 5 Wendy 05. Oktober 2009 um 0:31 Uhr

    Buisiness as usual. Arme JL. Hat jemand noch was genaueres zur Veranstaltung?

Die Kommentarfunktion wurde für diesen Beitrag deaktiviert.