ARAB-Veranstaltung: „DDR – Die radikale Linke und der realsozialistische Versuch“.

Die Mitschnitte zur Diskussions-Veranstaltung der „Antifaschistischen Revolutionären Aktion Berlin“ zur DDR sind endlich online und so konnte auch ich mir ein Bild davon machen, wie interessant und erkenntnisreich die Sache wirkich war. Auf den Indymedia-Artikel, der zeitnah erschien und von einem ziemlich enttäuschten Besucher der VA geschrieben wurde, wollte ich mich nicht verlassen. Leider muss ich nach dem Durchhören der Veranstaltung in den negativen Ton des Indy-Beitrags einstimmen. Angekündigt war der Versuch, zu bestimmen, „was die DDR eigentlich war“. Das ist erstmal sehr vernünftig und natürlich bitter notwendig, wenn man sich einen Kopf darüber macht, wie man als „radikale Linke“ zur DDR stehen soll bzw. was man davon halten soll, wie sich die Linke und der gesellschaftliche Mainstream gerade zur DDR verhalten. Dies fand schlicht und ergreifend nicht statt

Der Beitrag des ehemaligen DDR-Linken ist ziemlich inhaltslos. Was trägt es zur Diskussion bei, wenn man davon hört, dass der Genosse relativ sorgenfrei aufgewachsen ist, keine Probleme damit hatte, auf dem Bau zu lohnarbeiten oder Blues mochte? Gegen Ende kommt er mal zur Sache und bekennt sich noch schnell dazu, kein Ende der DDR, sondern eine Neuauflage des Sozialismus im Sinn gehabt zu haben, als er sich in der DDR-Linken organisierte. Der nächste bitte!
Oder vielleicht doch nicht? Der Vortrag des ehemaligen DDR-Militärs ist reichlich simpel: Die DDR ist zu verteidigen, als Linker hat man sich zu ihr zu bekennen – ohne wenn und aber! Schließlich war sie ein Versuch, den Sozialismus zu machen. Und gegen die Vereinigung deutschen Volkes und Nation hat die DDR sich auch nie gestellt. Sagt´s und verweist auf das schwarz-rot-goldene Leichentuch, welches die Genossen von der Antifa wohl an der Wand befestigt haben. Auf die wird übrigens nochmal in einer Wortmeldung eingangen – dieser jedoch kritisiert den Nationalismus und streicht die Verrücktheit heraus, dass sich vermeintliche Linksradikale, Sozialisten und Kommunisten positiv auf die nationale Klammer der Klassengesellschaft, die man eigentlich bekämpft, zu beziehen!
Wie hält es der NVA-Haudegen nun mit dem Sozialismus? Ganz ohne Begründung kommt ja auch er nicht aus. „Errungenschaften“ sind für ihn Einrichtungen der DDR, welche Kommunisten gerade als Identität zum bürgerlich-kapitalistischen Staats- und Wirtschaftswesen identifizieren: Sozialstaatliche Transfer- und Sicherungsleistungen aller Art, eine bestimmte Organisation der Lohnarbeit, ein bestimmter Umgang mit dem Eigentum. Gut finden soll man das aus zwei Gründen. 1.: Die soziale Bilanz der DDR ist (angeblich) in dieser Hinsicht besser als die der BRD und anderer kapitalistischer Staaten, 2.: Die SED hat es furchtbar gut mit den Arbeitern gemeint und in sozialistischer Absicht gehandelt. Schön und gut, aber das Arbeiterbeglückungsprogramm der Realsozialisten nehme ich trotzdem unter Lupe. Diese Vergleicherei hat übrigens nach den Aufzeichnungen fast der gesamte Saal und alle Referenten mitgemacht.
Auch Inge Viett, eine RAF-Militante, die gegen Ende der DDR von der BRD in den Osten geflohen ist. Die kramt dazu noch den „Historischen Materialismus“ aus und benennt einige der Rahmenbedigungen der DDR-Genese: Weltkrieg, Reparationszahlungen, Besatzung und Sozialismus per Dekret anstatt per Revolution, das damalige Volk war auch nicht sonderlich revolutionär gestimmt und industriell hat Deutschlands Osten damals auch gegen den Westen abgestunken. Stimmt auch alles. Trotzdem bleibt zu kritisieren, dass von Seiten der SED nicht einmal der Versuch unternommen wurde, mit den ihnen unterstellten Ostdeutschen einen Sozialismus auf die Beine zu stellen.
Überhaupt: Die gesamte gesellschaftlich-staatlich-politische Seite des Realsozialismus bleibt während der Veranstaltung fast unerwähnt. Bürokratismus, Unterdrückung und Ausbeutung der Arbeiterklasse, Herrschaft und Kommando statt gesellschaftlicher Planung, Repression statt Diskussion und nicht zuletzt Verfolgung von und Mord an tausenden Kommunisten in der DDR und vor allem in den sozialistischen Bruderstaaten.
Auch zu dieser komischen Masche der Analyse hat Inge Viett eine Antwort parat, als in der Diskussion eine Genossin die Frage wälzt, ob ihr angesichts solchen Inhalten eher zum Lachen oder zum Heulen zumute ist: Man rede darüber, was von der DDR noch zu gebrauchen sei und da kann man die ganzen Negativ-Punkte – die, wenn man sich mit ihnen befasst, genau aussagen, dass an der DDR nichts zu gebrauchen ist! – ruhig mal weglassen. Der herablassende Tonfall, in dem sie und der Rest des Podiums Diskutierende abkanzelt, die sich nicht in die Reihe der Vergleicher und Affirmanten einreihen, ist übrigens zum Kotzen. Genauso wie die Arroganz, mit der sie einer Kritikerin „Naivität“ bescheinigt, um von oben herab den Inhalt ihrer Wortmeldung herunterzuspielen. Sie, Inge Viett, die sich gedacht hat, dass deutsche Volk würde plötzlich revolutionär werden, wenn man ihm zeigt, dass Kapitalisten und Politiker auch nur mit Wasser kochen und abkratzen, wenn man sie mit Kugeln spickt; diese Inge Viett, die sich mit einer kleinen Truppe von Revoluzzern mit dem deutschen Staat angelegt, die sagt, was naiv ist! Einself.

Trotz des vielversprechenden Aufrufs und dem ebenso interessanten wie wichtigen Thema hat diese Veranstaltung leider nichts dazu beigetragen, die DDR und ihre Fehler zu verstehen und so einen Ausgangspunkt für eine Intervention einer revolutionären Linken in die stattfindenen Debatten um den realen Sozialismus zu schaffen. Schade!


24 Antworten auf “ARAB-Veranstaltung: „DDR – Die radikale Linke und der realsozialistische Versuch“.”


  1. 1 Hank 05. Februar 2010 um 23:42 Uhr

    Der Moderator erwähnt in seinem Eingangsbeitrag, dass noch weitere Veranstaltungen zum Thema geplant sind. Mit anderen Referenten ist da ja durchaus einiges machbar. Das wäre dann vielleicht nicht weniger turbulent, aber wohl doch eine ganze Ecke lehrreicher. Die ARABs müssten nur die richtigen Leute ansprechen … :-)

  2. 2 Wendy 05. Februar 2010 um 23:56 Uhr

    Die werden sich bei der Auswahl der Referenten schon was gedacht haben. Dass dort niemand vom GSP war, ist sicherlich kein Zufall. Wäre natürlich nichtsdestotrotz wünschenswert, wenn das noch zustande kommen würde.

  3. 3 Hank 06. Februar 2010 um 0:48 Uhr

    Na ja, man müsste vielleicht schon ein wenig bohren. Indem z.B. darauf hingewiesen wird, dass jemand, den sie bereits zwei Mal als Referenten eingeladen haben, auch zu diesem Thema nicht ganz unbeleckt ist. Was durch folgende Hinweise leicht zu belegen ist. DDR-Bücher, JW-Artikel, Kritik an HistoMat (doc) und DDR-Ökonomie (pdf).

    Sollte also jemand von diesem Verein mitlesen … :-)

  4. 4 schons 06. Februar 2010 um 11:09 Uhr

    als ich den facebook-test „welche berliner antifa-gruppe bist du“ machte, kam arab raus. nur mal so.

  5. 5 saltzundessick 06. Februar 2010 um 11:12 Uhr

    spitzenempfehlung! peter decker (der realsozialimus ist ja gar nicht gescheitert) – ein weiterer experte fuer die aufarbeitung der ddr-geschichte. liefer doch mal ein argument!

  6. 6 Wendy 06. Februar 2010 um 19:18 Uhr

    schons: Ich bin ja jemand, der noch bei den abwegigsten Behauptungen „Echt jetzt?!“ fragt und sich vor sich selbst und anderen damit blamiert. Ist ne Angewohnheit. Wo waren wir… Echt jetzt?! Son Test gibts?

    saltzundessick: Ich glaube wenn, dann sagt Decker nur, dass der Realsozialismus nicht daran gescheitert ist, dass sich seine Planwirtschaft nicht gerechnet hätte. Ist sowieso etwas vage, was du da sagst. Inwiefern sagt der denn wo, dass der Realsozialismus nich´ gescheitert wäre?

  7. 7 schons 07. Februar 2010 um 0:14 Uhr

    ist so. meld dich an. zackig.

  8. 8 lohni 07. Februar 2010 um 0:43 Uhr

    „als ich den facebook-test „welche berliner antifa-gruppe bist du“ machte, kam arab raus. nur mal so. “

    mutprobe?

  9. 9 saltzundessick 09. Februar 2010 um 0:47 Uhr

    inge viett muss in irgendeiner parallelwelt-ddr gewesen sein. „die stasi war nicht praesent“, guter witz.

  10. 10 Wendy 09. Februar 2010 um 3:17 Uhr

    Sie aus ihrer recht unprivilegierten Perspektive wird schon wissen, was sie sagt. ;) Wobei man natürlich festhalten muss, dass die Stasi gegen den heutigen Verfassungsschutz ziemlich abstinken würde.

    Oder mal anders ausgedrückt: Die Stasi war sicherlich weder allgegenwärtig noch allwissend und die heutige Empörung über ihre Tätigkeiten rührt in den seltensten Fällen daher, dass jemand Überwachung und Repression generell ablehnt.

  11. 11 (S)Experte 09. Februar 2010 um 12:49 Uhr

    ich sah letztens eine sendung zur stasi. dort jämmerten die verfassungsschutz-affen rum, dass die stasi tatsächlich wesentlich mehr auf zack war als der verfassungsschutz. aber nur weil der vs eben demokratisch ist und da nicht so viel einfach so geht. aber schon bemerkenswert, dass sie darüber rumheulen statt es ganz besonders positiv heraus zu heben!

  12. 12 wayne... 10. Februar 2010 um 1:03 Uhr

    kann jemand mal nen link zu dem facebook-afa-gruppen-test hier posten? oder beschreiben wie man dahin kommt?

  13. 13 saltzundessick 10. Februar 2010 um 2:10 Uhr

    woher hast du denn dein geheimdienst-ranking, wendy? mfs und verfassungsschutz vergleichen ist ohnehin wie aepfel und birnen. die stasi hatte nach innen eher aufgaben einer politischen polizeibehoerde. mit geheimdienst und bisschen informationen sammeln hatte das nur sekundaer was zu tun. 90000 hauptamtliche + 150000 informelle mitarbeiter werden schon irgendwas gemacht haben, und selbst wenn es uneffektiv war, war es immer noch recht flaechendeckend und irgendwie auch allgegenwaertig.

    das ist auch gar keine diskussion fuer blogcomments, weil es doch recht umfangreich ist.
    die frage, die ich mir unabhaengig davon oefter mal stelle, ist ohnehin, welchen mehrwert die nachtraegliche aufarbeitung der ddr-geschichte fuer linksradikale wirklich bringt.

  14. 14 Wendy 10. Februar 2010 um 2:35 Uhr

    Wichtig ist doch das, was ich im vorherigen Kommentar gesagt habe: Die meisten Stasi-Basher heute haben eigentlich nichts gegen Überwachung und Repression. Welcher Sicherheitsdienst jetzt mehr auf die Beine gestellt, ist gar nicht so wichtig. Wäre nur eine Dreingabe, wenn VS und Co. mehr machen würden als die Stasi (was ich im übrigen glaube, mal gelesen zu haben).

    Interessant ist die DDR schon, weil sie gerade auf der Agenda des bürgerlichen Mainstreams steht. Wer sich damit beschäftigt, merkt, dass es darum geht, jedwede Systemalternative in den Dreck zu ziehen. Nur ein Punkt.
    Und andererseits gibt es (siehe ARAB-VA) noch genügend Linke, die sich positiv auf den depperten Ansatz der KPD-Sozis beziehen – mit denen ist also schon mal keine Revolution zu machen. Auch ein Punkt, wo man ansetzen muss.

  15. 15 saltzundessick 10. Februar 2010 um 20:49 Uhr

    ich weiss gar nicht, ob das, was in der ddr zum schluss war, ueberhaupt noch irgendwas mit dem ansatz der kpd zu tun hatte. zumindest in den 80er war das einfach nur noch deutschtum in reinkultur, nichts progressives und auch keine alternative zu irgendwas. dieser anspruch war aus dem oeffentlichen leben voellig verschwunden.
    wenn jemand allerdings auf wehrlager, gemeinsame gruenanlagenreinigung, anscheissen beim abv, schreiben von stellungnahmen, taegliches einerlei etc. steht, dann ist die ddr natuerlich eine attraktive alternative.

  16. 16 Wendy 10. Februar 2010 um 20:55 Uhr

    Diesen Wandel muss man natürlich mitdiskutieren. Ich denke aber, dass diese Entwicklung schon „dem Ansatz der KPD“ geschuldet ist. Schließlich war dieser nie sonderlich unnational.
    Und wenn du sagst, die DDR sei für dich keine Alternative zum Kapitalismus, aus den von dir genannten Gründen, dann hast du ja schon was anderes gemacht, als die Diskussion empört vom Tisch zu wischen: Argumente vorgebracht, warum man nicht statt BRD DDR machen soll.

  17. 17 saltzundessick 10. Februar 2010 um 20:59 Uhr

    danke. zwischen zwei uebeln das kleinere zu waehlen ist haeufig nicht ganz so einfach. den vorteil, beide systeme persoenlich erlebt haben zu duerfen, hat die arab eventuell nicht.

  18. 18 wayne... 10. Februar 2010 um 23:44 Uhr

    scheiß auf inhalte… ich will wissen wo man den test machen kann!

  19. 19 dicker bau-auch 12. Februar 2010 um 17:46 Uhr

    bei mir kam nea raus, damals…
    wahrscheinlich habe ich durch das anklicken möglichst plumper anti-imp-parolen offenbar doch eher das nea-klischee-bild erfüllt :D

  20. 20 dicker bau-auch 12. Februar 2010 um 21:15 Uhr
  21. 21 Wendy 12. Februar 2010 um 22:07 Uhr

    Danke!

    Theorie Organisation Praxis Berlin

    Im eigentlichen Sinne keine Antifa-Gruppe. Und trotzdem ein wichtiger Faktor in der Berliner Szene. Mit inhaltlichen Interventionen in politische Diskussionen und Mobilisierungen macht die Gruppe sich nicht nur Freunde. Die eigenen Outputs zu Staatskritik und Antikapitalismus werden die wenigsten Leute gelesen haben. Trotzdem wird die Gruppe den Ruf als Party-Truppe nicht los. Aber wer hört schon auf die Meinung anderer.

    Wobei mich „Hey, das geht ab! Wir feiern die ganze Nacht!“ als Antwort zur Sexismus-Frage schon gereizt hat. Liebevoll und nicht Detailwissen gemacht, allerdings haben mir die meisten Antworten nicht so zugesagt. Aber ging ja auch um Antifa-Gruppen und nicht um sinnvolle Inhalte. ;)

  22. 22 wayne... 12. Februar 2010 um 22:17 Uhr

    fiel mir oft schwer ne antort zu finden die ich nicht dämlich fand.

    bei mir kam die TOP raus. hrm ich schiebs auf den test.

  23. 23 Die Alte, die bei Glücksrad die Buchstaben umdreht a.k.a. Maren Glitzer 13. Februar 2010 um 2:32 Uhr

    @ Wayne:

    Naja letztendlich gings um die Frage, welcher Antifa du angehörst…da ist klar, dass die Antwort dämmlich sein muss.

  24. 24 baumarkt 13. Februar 2010 um 16:17 Uhr

    auf die frage, welcher antifa man entspräche, gibt es einfach keine richtige antwort. alle antworten sind bescheuert und für leutchen, die auf solche linke folklore stehen, sicher ungemein erheiternd. LOL ich bin die AAB, das warn noch zeiten!

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