Lew Dawidowitsch Trotzki: Über den Terror.

Pam-pam.

Unsere Klassenfeinde pflegen sich über unseren Terrorismus zu beklagen. Was sie damit meinen, ist ziemlich unklar. Gern würden sie alle Aktivitäten des Proletariats, die gegen die Interessen des Klassenfeindes gerichtet sind, als Terrorismus abstempeln. In ihren Augen ist der Streik das Hauptmittel des Terrorismus. Die Drohung mit Streik, die Organisation von Streikposten, der ökonomische Boykott eines Sklaventreibers, der moralische Boykott eines Verräters aus unseren eigenen Reihen – dies alles und noch viel mehr nennen sie Terrorismus. Wenn Terrorismus verstanden wird als jede Aktion, die den Feind mit Schrecken erfüllt und ihm schadet, dann ist der gesamte Klassenkampf natürlich nichts anderes als Terrorismus. Und die einzige Frage bleibt, ob die bürgerlichen Politiker das Recht haben, kübelweise moralische Entrüstung über den proletarischen Terrorismus auszu-gießen, wenn ihr ganzer Staatsapparat mit seinen Gesetzen, seiner Polizei, seiner Armee nichts anderes als ein Apparat für kapitalistischen Terror ist!

Doch wenn sie uns Terrorismus vorwerfen, versuchen sie – wenngleich nicht immer bewußt – diesem Wort eine engere, bestimmtere Bedeutung zu geben. Die Beschädigung von Maschinen durch Arbeiter beispielsweise ist Terrorismus in diesem strengen Sinne des Wortes. Die Tötung eines Unternehmers, die Drohung, eine Fabrik anzustecken, die Bedrohung eines Besitzers mit dem Tod, ein Mordversuch mit dem Revolver in der Hand an einen Minister: all dies sind terroristische Akte im eigentlichen Sinn. Trotzdem: jeder, der eine Vorstellung von der wahren Natur der internationalen Sozialdemokratie1 hat, sollte wissen, daß sie immer diese Art von Terrorismus bekämpft hat, und zwar auf die unversöhnlichste Weise. Warum? »Terrorisieren« mit der Drohung eines Streiks, oder tatsächlich einen Streik führen, ist etwas, das nur Industrie- oder Landarbeiter können. Die soziale Bedeutung eines Streiks hängt erstens direkt ab von der Größe des Betriebes oder der Industriebranche, die er in Mitleidenschaft zieht; und zweitens, inwieweit die Arbeiter, die sich daran beteiligen, organisiert, diszipliniert und bereit zum Handeln sind. Dieses gilt sowohl für den politischen als auch für den ökonomischen Streik.

[…]

Ein Streik, sogar von mäßigem Umfang, hat soziale Konsequenzen: Stärkung des Selbstvertrauens der Arbeiter, Anwachsen der Gewerkschaften, und nicht selten sogar ein Fortschritt in der Produktionstechnik. Der Mord an einem Fabrikbesitzer bewirkt nur Folgen polizeilicher Natur, oder einen Wechsel der Besitzer, völlig ohne jede soziale Bedeutung. Ob ein terroristischer Anschlag, sogar ein »erfolgreicher«, die herrschende Klasse in Verwirrung stürzt, hängt von den konkreten politischen Umständen ab. In jedem Fall kann die Verwirrung nur kurzlebig sein; der kapitalistische Staat selbst stützt sich nicht auf Minister und kann nicht mit ihnen beseitigt werden. Die Klassen, denen er nützt, werden immer neue Leute finden; der Mechanismus bleibt intakt und funktioniert weiter.

Aber die Verwirrung, die in die Reihen der arbeitenden Massen durch einen terroristischen Anschlag getragen wird, ist viel tiefer. Wenn es ausreicht, sich mit einer Pistole zu bewaffnen, um sein Ziel zu verwirklichen, warum dann die Anstrengungen des Klassenkampfes? Wenn ein bißchen Schießpulver und ein Klumpen Blei ausreicht, dem Feind ins Genick zu schießen, welche Notwendigkeit besteht dann für eine Klassenorganisation? Wenn es sinnvoll ist, eine hochgestellte Persönlichkeit mit dem Lärm von Explosionen zu erschrecken, wo bleibt dann die Notwendigkeit einer Partei? Warum Versammlungen, Massenagitation und Wahlen, wenn man so leicht von der Galerie des Parlaments auf die Ministerbank zielen kann?

Eben deswegen ist individueller Terror in unseren Augen unzulässig: denn er schmälert die Rolle der Massen in ihrem eigenen Bewußtsein, denn er söhnt sie mit ihrer eigenen Machtlosigkeit aus und richtet ihre Augen und Hoffnungen auf einen großen Rächer und Befreier, der eines Tages kommen wird und seine Mission vollendet. Die anarchistischen Propheten der »Propaganda der Tat« können soviel sie wollen über den fördernden und stimulierenden Einfluß von terroristischen Akten auf die Massen reden. Theoretische Überlegungen und politische Erfahrung zeigt anderes. Je »effektiver« Terrorakte sind, je größer ihre Auswirkung ist, desto mehr verringern sie das Interesse der Massen an Selbstorganisation und Selbsterziehung.

Aber der Rauch einer Explosion verzieht sich, die Panik verschwindet, der Nachfolger des ermordeten Ministers tritt in Erscheinung, das Leben verläuft wieder im alten Trott, das Rad der kapitalistischen Ausbeutung dreht sich wie zuvor; nur die Unterdrückung durch die Polizei wird grausamer und dreister. Und als Ergebnis kommen anstatt der erweckten Hoffnungen und der künstlich angestachelten Erregung Desillusion und Apathie. […]

Bis auf den Fehler zum Parlamentarismus (Wählen ist verkehrt) ein sehr empfehlenswerter Text.

  1. Trotzki schrieb diesen Artikel vor der großen Spaltung der sozialistischen Partei in Revolutionäre und Reformisten im August 1914 und meinte, in Übereinstimmung mit anderen Revolutionären dieser Zeit, wie Lenin und Luxemburg, mit »Sozialdemokratie« die revolutionäre marxistische Bewegung. [zurück]

14 Antworten auf “Lew Dawidowitsch Trotzki: Über den Terror.”


  1. 1 Felix 23. Juni 2010 um 11:57 Uhr

    ich lese da wirklich das böse t-wort in der überschrift? bah, wie kannst du dich so vergreifen? :D

  2. 2 Entdinglichung 23. Juni 2010 um 13:42 Uhr

    das auf dem Bild ist ja gar nicht Trotzki!

  3. 3 Bazzard 23. Juni 2010 um 21:41 Uhr

    nicht?

  4. 4 Krempel 24. Juni 2010 um 0:57 Uhr

    warum denn den gegenstandpunkt zu wahlen nehmen, wenn lenin (und damit trotzki, der das ja genauso sah) eine viel bessere position hatte: http://marxists.org/deutsch/archiv/lenin/1920/linksrad/kap07.html

    ein text, den du doch eigentlich auch kennst, nehme ich an?

    wahlen ändern nichts am kapitalismus – aber sie können ausgenutzt werden als propagandabühne. das bewusstsein ändern sie natürlich nicht ansatzweise so schlagkräftig wie streiks, revolten und tatsächliche kämpfe mit kapital und staat – aber sie einfach links liegen zu lassen ist in der bürgerlichen gesellschaft – wo quasi JEDE politische aufmerksamkeit der massen auf wahlen liegt – ist halsbrecherisch. nicht, weil wir die illusion in das parlament stärken wollen (das sollte ja immer kritisiert werden – auch während der wahl).
    aber wenn die bolschewiki in der durma sitzen und die füße hochlegen um die absurdität des parlaments aufzuzeigen oder mit gefesselten händen ins parlament gehen um solidarität mit eingesperrten arbeiterInnen zu zeigen, dann ist das nicht reformistisch – sondern sinnvolle propaganda.

    trotzki ist sicher kein reformist und das weißt du auch (es gibt an den positionen lenins und trotzkis sicherlich andere sachen zu kritisieren,insb. vor der oktoberrevolution).

  5. 5 Wendy 24. Juni 2010 um 1:04 Uhr

    Da kann jetzt sicher eine interessante Diskussion draus folgen und ich werde mir auch meine Gedanken dazu machen. Aber die nächsten 4 Tage wird mein Gehirn auf Urlaub geschickt.

  6. 6 Krempel 24. Juni 2010 um 1:11 Uhr

    kein stress, hab selbst zu tun. :)

  7. 7 Wendy 28. Juni 2010 um 11:39 Uhr

    Krempel: Erstmal gilt festzuhalten, dass der Textauschnitt, den du hier verlinkt hast, sich in keinster Weise auf die Argumente im Text, den ich verlinkt habe, bezieht. Der Text der Marxistischen Gruppe erklärt ganz konkret, was die parlamentarische Demokratie im Kapitalismus ist, welchen Zwecken sie dient und welche Rolle der Wahlakt in ihr spielt. Er ist nichts weiter als die selbstbewusste Ermächtigung der Herrschaft. Jetzt kommst du an und sagst „Ach Quatsch, der könnte doch auch Bühne der Propaganda und damit ganz furchtbar gut für die kommunistische Agitation sein!“. Das liest sich als Kritik am Text, ist aber keine, da die vorgetragenen Argumente nicht behandelt werden.

    Abgesehen von diesen Argumenten versuche ich mir trotzdem mal die Mühe zu machen, mir deinen Textabschnitt durchzulesen und mir dazu eine Meinung zu machen (andere sind natürlich auch dazu aufgefordert).

    Zur politischen Praxis der Bolschewiki und der deutschen Kommunisten kann man allerdings schon mal etwas sagen: Eine generelle Ablehnung des parlamentarischen bürgerlichen Herrschaft konnte man dort selten erkennen. Eher führten SPD und später KPD ernsthaft Wahlkampf, um das Parlament neben der Propaganda-Bühne auch ernsthaft als Vehikel zur Verbesserung der Situation des Proletariats zu nutzen. Und die Bolschewiki hatten mit dem bürgerlich-demokratischen Kerenski-Parlament keine Probleme, begrüßten es sogar – bis ihnen die Atzen – Überraschung! – in den Rücken fielen. Selbst das musste denen die Realität erstmal einbläuen, dass Demokraten nicht viel von der Diktatur des Proletariats halten.

  8. 8 Kowalski 28. Juni 2010 um 13:41 Uhr

    Der Uralt-Kalauer vom „Parlament als Tribüne des Klassenkampfs“ zieht sich ja nicht nur durch die Geschichte der Arbeiterbewegung. Selbst ein Gregor Gysi hat noch Mitte der 90er Jahre versucht, damit Punkte für die Wahl der PDS zu machen. Zu einer Zeit also, als er es offenbar noch für sinnvoll gehalten hat, für diesen Zweck sogar mit Marxisten zu diskutieren.

    Ist Wählen verkehrt?“ Über diese Frage stritten Gregor Gysi und Karl Held während einer Veranstaltung, die das »Café konkret« am 20. April 1994 in Bochum durchführte.

  9. 9 Wendy 28. Juni 2010 um 18:22 Uhr

    Der Uralt-Kalauer vom „Parlament als Tribüne des Klassenkampfs“ zieht sich ja nicht nur durch die Geschichte der Arbeiterbewegung. Selbst ein Gregor Gysi hat noch Mitte der 90er Jahre versucht, damit Punkte für die Wahl der PDS zu machen.

    Ich vermisse da die Argumente. Bei Gregor Gysi kann man sich streiten, ob der überhaupt jemals vorhatte, revolutionäre Propaganda/Agitation zu machen und dass dessen Programm nicht revolutionär ist, weiß man auch. Aber die Frage, ob das Parlament grundsätzlich zur Propaganda-Bühne taugen kann, ist damit nicht beantwortet. Ich würde jetzt spontan sagen, dass die bürgerlichen Medien schon wissen würden, wie sie die Agitation kommunistischer Abgeordneter verdrehen und nationalistisch-ideologisch einordnen könnten und bezweilfe weiterhin, dass eine kommunistische (!) Partei (!!) einer bestimmten Größe überhaupt zu einer Wahl (!!!) zugelassen würde. Wahrscheinlicher ist eher ein generelles Verbot so einer Partei.

  10. 10 Kowalski 28. Juni 2010 um 23:34 Uhr

    Nein, die Behauptung war sicher nicht, den werten Herrn Gysi solch umstürzlerischer Aktivitäten wie „revolutionäre Propaganda/Agitation“ zu bezichtigen. Es sollte nur daran erinnert werden, dass die Vorstellung vom „Parlament als Tribüne des Klassenkampfs“ sich bei Linken offenbar dermaßen hartnäckig hält, dass selbst ein Gysi, dessen Partei man klassenkämpferische Ambitionen nun wirklich nie vorwerfen konnte, sich mal darauf berufen hat, um damit für sich zu werben. Natürlich nicht so direkt, sondern in der verklausulierten Fassung „parlamentarischer Arm einer ausserparlamentarischen Bewegung“. Was ihm seitens KH die folgende Kritik eingetragen hat:

    „Das ist ja fast schon ein Porträt des Unsinns demokratischen Wählens, was Sie hier abgeliefert haben, ein Porträt der Belanglosigkeit des Stimmenabgebens, -auszählens, eine Karikatur auf den Versuch früherer kommunistischer Parteien, die gesagt haben, das Parlament ist eine Tribüne, aber eine des Klassenkampfes, und im Parlament wird der Staat mit seinen Zielsetzungen und Mitteln, mit seinen Gemeinheiten und Ambitionen schlecht gemacht, während die eigentliche Entscheidung darüber, ob der Staat sich so hält, wie er ist, in einer ganz anderer Sphäre fällt, über ganz andere, ich nenne es mal höflich „Entscheidungsprozesse“, als die des Handhebens im Parlament. Das war früher mal die Überlegung mit der Tribüne des Klassenkampfes.“

    Dass eine kommunistische Partei ganz prinzipiel und natürlich erst recht, wenn sie mit iher Agitation Erfolge zu verzeichnen hat, mit einem Verbot rechnen muss, ist richtig, hat aber mit der Frage nach der Tauglichkeit des Parlaments als Propaganda-Bühne nicht wirklich was zu tun. Das hiesse ja zu behaupten, dass eine erfolgreiche Agitation entscheidend von einer Beteiligung am Wahlzirkus abhinge; bzw. andersrum, dass eine Organisation, die sich nicht daran beteiligt, damit aus dem Schneider wäre. Dem ist nicht so.

    Es dreht sich also wieder einmal um die bekannten Fragen: Was steht bei ener Wahl zur Entscheidung und was nicht? Welche Angebote machen Wahl-Parteien, um den Wähler zu betören? (Stichwort: Bessere Alternativen bei der Verfolgung des nationenlen Erfolgs) Wollen/Sollen Kommunisten in solch einer Konkurrenz mitmischen? Was hätte das für Konsequenzen für ihre Politik? Welchen Inhalt haben die Stichworte „Politik- bzw. Regierungsfähigkeit“? … Es gilt also wieder mal der Hinweis: Wenn Kommunisten mal so stark sein sollten, dass sie parlamentarisch was putzen könnten, dann unterstellt das Verhältnisse, in denen sie darauf auch verzichten können, weil die wesentlichen Entscheidungen eh woanders fallen.

  11. 11 Wendy 29. Juni 2010 um 0:22 Uhr

    Es gilt also wieder mal der Hinweis: Wenn Kommunisten mal so stark sein sollten, dass sie parlamentarisch was putzen könnten, dann unterstellt das Verhältnisse, in denen sie darauf auch verzichten können, weil die wesentlichen Entscheidungen eh woanders fallen.

    Dass ein Unterschied zwischen der Zahl von Anhängern, die es braucht, um 1 – 10 Leute ins Parlament zu kriegen und der Zahl, die es braucht, um eine Mehrheit dort zu haben, ein gewaltiger Unterschied liegt, weißt du bestimmt selbst.
    Das Zitat von Held lese ich nicht als Kritik am Konzept des Parlaments als Bühne der Propaganda/Agitation.

  12. 12 Kowalski 29. Juni 2010 um 13:38 Uhr

    Es war offenbar aber schon als Kritik gedacht:

    „Du hast dann gesagt, früher haben Kommunisten versucht, das Parlament als Tribüne des Klassenkampfes zu gebrauchen. Damit hast du den Parlamentarismus auf deine komische Art bejaht.
    (Zwischenruf Held: »Nein!«)
    Wolltest du damit sagen, daß du das auch schon falsch fandest?
    (Zwischenruf Held: »Ja!«)“

    Aber okay, dann haben dir die vorgetragenen Argumente halt nicht eingeleuchtet. Deshalb mal andersrum. Bist du der Ansicht, dass der oben von dir verlinkte Artikel zur Kritik der demokratischen Wahl sich nur auf die aktiv Wahlberechtigten Teile der Menschheit bezieht, die korrekte Stellung also wäre „Wählen ist verkehrt – es sei denn, ihr wählt uns!“? Oder m.a.W: Wie soll denn das Parlament von Kommunisten als Propaganda-Tribüne missbraucht werden, wenn Zweck und Inhalt dieser Institution (die Nation und ihre Erfolge nach innen und aussen) feststehen. Dass da mit öffentlich wirksamer Propaganda mit ziemlicher Sicherheit nicht so sehr viel zu reissen sein würde, hast du selbst schon erwähnt. Das kann man ja schon daran ablesen, wie selbst mit einer handzahmen Partei wie der PDS/Linkspartei umgesprungen wurde.

  13. 13 Wendy 29. Juni 2010 um 21:34 Uhr

    Dass da mit öffentlich wirksamer Propaganda mit ziemlicher Sicherheit nicht so sehr viel zu reissen sein würde, hast du selbst schon erwähnt. Das kann man ja schon daran ablesen, wie selbst mit einer handzahmen Partei wie der PDS/Linkspartei umgesprungen wurde.

    Darauf würde ich mich einlassen. Wäre aber mal interessant, was der Trotzkist zu der Diskussion zu sagen hat.

  14. 14 Krempel 30. Juni 2010 um 11:50 Uhr

    das hab ich ja beinah vergessen! :)

    mehrere dinge:
    1. ich glaube hier wird die rolle der medien für das bewusstsein maßlos überschätzt. sicher sind die medien extrem wichtig für die ideologische indoktrinierung und integration der a-klasse in den staat, die nation, die bürgerliche gesellschaft. aber sie sind längst nicht alles.
    ich würde beispielsweise sagen, dass der harte hass, der der linkspartei entgegengesprungen ist, ihnen nicht automatisch und immer geschadet hat.
    im gegenteil, kann eine solche konfrontative haltung auch für teile der klasse/arbeiterInnenbewegung ansprechend sein (wenn auch die pds weiterhin eine reformistische sozialdemokratische partei war).
    letztlich gehen wir als materialistInnen auch davon aus, dass das bewusstsein – und damit ja auch die meinungen und haltungen zu parteien – maßgeblich, d.h. „in letzter instanz“ von ihren ökonomischen verhältnissen geprägt werden. zu diesen verhältnissen gehören zwar auch die medien, aber eben nicht nur. eine partei der bewegung, die maßgeblich in der klasse verankert ist, kann vor allem durch ihre propaganda, die mit den verhältnissen der menschen übereinstimmen überzeugen. und da ist dann sekundär, was andere sagen: ich finde es ja überzeugend, weil es mit meiner lebensrealität und meinen erfahrungen übereinstimmt oder sich deckt.
    dementsprechend muss man ja auch davon ausgehen, dass bei einem stärkeren klassenbewusstsein sich auch mehr und mehr eine distanzierte und kritische haltung zu etablierten medien entsteht. in südkorea, mit dem ich mich etwas besser auskenne, deshalb das beispiel, sind die großen etablierten medien total reaktionär und konservativ. das ändert nichts an erfolgen, von anderen parteien (die nicht revolutionär sind! aber die erklärung funktioniert trotzdem), an der kritischen haltung der meisten arbeiterInnen dazu, usw.
    das ergebnis ist eher, dass sie sich alternative medien aufbauen und vertreiben. dies ist natürlich auch eine perspektive, die für eine starke arbeiterInnenbewegung bzw. für diejenige partei gilt. alternative medien aufbauen um der ideologischen hegemonie der bürgerlichen presse etwas entgegen zu setzen (ein ideologischer klassenkampf, in dem sinne).
    2. ich kenn mich da historisch bei der geschichte der KPD nicht so aus, gehe aber davon aus, dass die haltung der KPD auch maßgeblich vom historischen zeitabschnitt, und dem grad ihrer stalinisierung, abhängt. in bestimmten perioden (z.b. nicht grad der dritten periode :D ) wird die kpd das sicherlich gemacht haben, ernsthaften wahlkampf und so. aber das macht nur die politik der kpd falsch, nicht die allgemeine von mir vertretene theorie.
    3. bzgl. der bolschewiki stimme ich da nicht mit dir überein. ich glaube, die hatten überhaupt keine illusionen in kerenski und das bürgerliche parlament. natürlich haben sie es begrüßt, weil die bürgerliche demokratie gegenüber der massiven repression des zarenreiches natürlich ein massiver gesellschaftlicher fortschritt ist, aber vor allem, weil sie die propagandamöglichkeiten natürlich deutlich verbessert. damit hatte sich ja der ganze klandestine kram von „was tun?“ zumindest zu diesem zeitpunkt erstmal erledigt. und damit wird auch die arbeit in der klasse und die verankerung darin einfacher.
    das die bolschewiki kerenski jetzt auch nicht toll fanden und für sie das bürgerliche parlament auch nicht so wichtig ist, das kann man ja an dokumenten ablesen, insb. den von lenin geschriebenen april thesen. dazu einen kurzen exkurs: das ist heute mit der historischen erfahrung viel leichter zu sagen, aber damals gab es ja auch eine ernsthafte, theoretische debatte über den charakter der revolution in russland und lenin hat – im gegensatz zu trotzki, der das schon 1905 anders sah – sehr lange die theorie einer bürgerlich-demokratischen revolution vertreten, in der die arbeiterInnenklasse nur die führung der revolution übernimmt. ein etappenkonzept also, insofern können demokratische abgleitflächen sicherlich erklärt werden. das macht sie natürlich nicht richtig.
    aber diese haltung haben die bolschewiki kurz vor der revolution mehrheitlich verworfen. dazu ja auch die aprilthesen, die den charakter einer über den kapitalismus hinausgehenden revolution beschreibt. lassen wir lenin doch einfach selbst sprechen:

    Die Eigenart der gegenwärtigen Lage in Rußland besteht in dem Übergang von der ersten Etappe der Revolution, die infolge des ungenügend entwickelten Klassenbewußtseins und der mangelhaften Organisiertheit des Proletariats die Bourgeoisie an die Macht brachte, zur zweiten Etappe, die die Macht in die Hände des Proletariats und der armen Schichten der Bauernschaft legen muß.
    Dieser Übergang wird charakterisiert einerseits durch ein Höchstmaß von Legalität (Rußland ist zur Zeit das freieste von allen kriegführenden Ländern), andererseits durch das Fehlen einer Gewaltherrschaft über die Massen, und endlich durch die blinde Vertrauensseligkeit der Massen gegenüber der Regierung der Kapitalisten, der ärgsten Feinde des Friedens und des Sozialismus.
    Diese Eigenart verlangt von uns die Fähigkeit, uns den besonderen Bedingungen der Parteiarbeit unter den ungeheuren, eben erst zum politischen Leben erwachten Massen des Proletariats anzupassen.
    # Keinerlei Unterstützung der Provisorischen Regierung, Aufdeckung der ganzen Verlogenheit aller ihrer Versprechungen, besonders der des Verzichts auf Annexionen. Entlarvung an Stelle der unzulässigen, Illusionen erweckenden „Forderungen“, diese Regierung, die Regierung der Kapitalisten, solle aufhören imperialistisch zu sein.

    Nicht parlamentarische Republik – eine Rückkehr von den Arbeiterdeputiertenräten zu dieser wäre ein Schritt rückwärts –, sondern eine Republik von Arbeiter-, Landarbeiter- und Bauerndeputiertenräten im ganzen Lande, von unten bis oben.

    und in einem brief vom 20. märz:

    Wer sagt, daß die Arbeiter die neue Regierung im Interesse des Kampfes gegen die zaristische Reaktion unterstützen sollen (und das sagen offenbar die Potressow, Gwosdew, Tschchenkeli, und trotz seiner ganzen ausweichenden Haltung auch Tschcheïdse), der ist ein Verräter der Arbeiter, ein Verräter an der Sache des Proletariats, an der Sache des Friedens und der Freiheit. Denn in Wirklichkeit ist gerade diese neue Regierung bereits an Händen und Füßen durch das imperialistische Kapital, durch die imperialistische Kriegs- und Raubpolitik gebunden, hat sie bereits begonnen, Übereinkommen mit der Dynastie zu schließen (ohne das Volk zu fragen!), arbeitet sie bereits an der Restaurierung der Zarenmonarchie, heißt sie bereits Michael Romanow, den neuen Zarenkandidaten, willkommen, bemüht sie sich bereits um die Festigung seines Thrones, um die Ablösung der legitimen (gesetzlichen, nach altem Gesetz bestehenden) Monarchie durch eine bonapartistische, sich auf ein Plebiszit (eine gefälschte Volksabstimmung) stützende Monarchie.

    und lenin sagte in den junitagen über kerenski, beim kampf gegen den kornilow putsch dann auch noch folgendes:

    Wir werden kämpfen, wir kämpfen gegen Kornilow … aber wir unterstützen Kerenski nicht, sondern entlarven seine Schwäche. Das ist ein Unterschied

    die frage bleibt natürlich, warum das jetzt so wichtig ist. ich denke, dass die entwicklungen vor der oktoberrevolution eines sehr deutlich zeigen: die herrschenden können nicht einfach alles verbieten. sie werden alles in ihrer macht stehende tun, um die drohende revolution möglichst früh zu zerschlagen, revolutionärInnen einzuknasten und umzubringen, usw.
    aber, und das ist ganz entscheidend, eine partei mit einer starken (!) verankerung in der arbeiteInnenbewegung, eine revolutionären arbeiterInnenbewegung vor allem (in dem zusammenhang reicht auch ein bündnis von parteien die gemeinsam agieren) zu verbieten ist in vielen fällen keine kluge idee. 1. weil sie nicht so einfach verboten werden kann und dann in den untergrund geht und 2., und viel wichtiger, wäre das ideologisch-politisch nur extrem schwer zu legitimieren. das kpd verbot entstand mit einer partei, deren wichtigste führerInnen tot oder komplett stalinisiert waren, die immer älter wurde und deren kämpferischer einfluss längst verflogen war. aber andere starke parteien wurden in kämpferischen zeiten nicht verboten (auch wenn man es schlussendlich versuchen wird), weil es einen politischen und kämpferischen aufschrei geben wird, der die sozialen widersprüche eher anfacht als entspannt.
    ein anderes beispiel, was in bezug auf den terrorismus auch interessant ist: in quebec (kanada) gab es jahrelang seit anfang der 60er eine immer stärker werdende unabhängigkeitsbewegung. mit streiks, arbeiterInnenkämpfen, usw. ihr fehlte allerdings eine politische führung, oder auch nur eine arbeiterInnenpartei. jahrelang war diese bewegung für die herrschenden ein dorn im auge und sie wurde immer stärker. aber ERST als terroristen der FLQ zwei minister entführten und einen davon umbrachten, schlug der staat zu. nicht, weil er angst vor ein paar terroristInnen hatte, sondern weil diese anschläge die PERFEKTE ideologische legitimation für eine massive repressionswelle gegen die bewegung lieferte.

    im umkehrschluss heißt das aber auch: wäre das nicht passiert, hätte man sich sehr viel schwerer damit getan, die bewegung klein zu machen. hätte man vielleicht gewartet und ihr damit die möglicherweise notwendigen jahre gegeben sich zu stärken und zu entwickeln, das klassenbewusstsein der menschen dort zu stärken. usw. so wurde die bewegung viel zu früh in eine direkte konfrontation mit dem bürgerlichen staat gezwungen und ist mehr als elendig daran zu grunde gegangen.

    ich glaube, was oftmals vergessen wird, ist, dass es nicht unsere aufgabe sein kann, das parlament IMMER und überall als propagandabühne zu nutzen. das ist ein reiner schematismus, den z.t. auch die SAV beispielsweise vertritt. wir sind drin und jetzt können wir die propaganda bühne nutzen. denn es kommt natürlich an, dies in einen gesamtkontext politischer organisierung und parteilischer stärke einzubetten. haben wir überhaupt die stärke, propaganda bei wahlen und im parlament zu machen, ohne uns ansonsten komplett die hände zu binden? können wir die arbeit dort auch wirksam propagandatechnisch ausschlachten – ohne auf bürgerliche medien zu hoffen? führen wir ansonten eine kämpferische politik an betrieben und „sozialen brennpunkten“ (um das mal sehr unspezifisch zu lassen) durch? usw.

    dabei sollte man natürlich auch eins nicht vergessen: 1. die massenaktion ist letztlich IMMER wichtiger als die parlamentsarbeit, den sie erzeugt kollektives bewusstsein, klassenbewusstsein und bringt wichtige erfahrungen, die revolutionären die an diesen kämpfen teilnehmen, nützen. 2. die revolutionärInnen im parlament sind nicht die führung der partei. sie sind eigentlich der partei (und deren basis, die ja rätedemokratisch die letztliche kontrolle hat) untergeordnet und haben dort nur die aufgabe einer propagandaverbreitung zu erledigen. sie erledigen letztlich einen auftrag für die partei und befehlen nicht an die basis. wenn sie ungeeignet sind, gehören sie weggejagt und/oder abgewählt. im parlament braucht es allerdings natürlich arbeiterInnenführerInnen, die überzeugen können und rhetorisch gewandt sind und dem druck des reaktionären parlaments bestehen können.
    und sie sollen natürlich nicht die illusion in das parlament stärken, sondern immer wieder betonen, wie beschissen, verlogen und falsch das bürgerliche parlament ist. aber gerade, diejenigen, die diese vorurteile am meisten besitzen, gucken natürlich auch besonders aufs parlament. will ich sie davon wegbringen, muss ich natürlich ihren politischen fokus beachten.

    abschließend, um den widerspruch der bürgerlichen demokratie wahrzunehmen: natürlich kann dort mit einer starken opposition auch der illegale kampf und der kampf der massen unterstützt werden. ob durch soziale reformen – die nicht schlecht, sondern gut sind für den kampf. wer weniger arbeiten muss, der kann besser revolutionäre arbeit leisten – oder durch die verhinderung (!) von anträgen. um eine etwas absurde situation zu kreieren, weil sie so nicht eintreten kann: in einer situation, in der extremismus mehr und mehr in den fokus rückt und damit die repression sich über nächste zeit erhöhen kann, würde eine ablehnung der abstimmung bei dies betreffenden abstimmungen (z.b. haushalt?), die bewegung und die radikale linke schützen und ihre illegalisierung eindämmen.
    das dadurch das problem der bürgerlichen demokratie und des kapitalismus nicht gelöst wird, das soll und muss man natürlich sagen. ändert aber nichts an der konkreten verbesserung der kampfsituation.

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