»Die schöpferische Tätigkeit der Klasse ist außer acht gelassen.«

Im Buch des jungen Ante Ciliga1 wird viel auf Politik der KPdSU eingegangen, die der Klasse, die die Revolution gemacht und für die die Revolution gemacht worden war, kaum Möglichkeiten ließ, in die Organisation der Verwaltung und der Wirtschaft einzugreifen, sie stattdessen zu den gebeutelten Zugpferden der Industrialisierung Russlands degradierte und diesen Weg mit aller Macht und Repression absicherte. Die Analyse bezieht sich – und das ist auch vernünftig – auf konkrete politische Entscheidungen. In Alexandra Kollontais Broschüre Was bedeutet die „Arbeiter-Oppositon“?, aus der hier auch schon zitiert wurde, wird der Blick auf die soziale Zusammensetzung der Sowjetunion gelenkt auf die (ungewollten) Auswirkungen, die die Besserstellung einer bestimmten Schicht, die „Spezialisten“, auf den Sozialismus hatte.

Die Produktion, ihre Organisation — das ist das Wesentlichste im Kommunismus. Die Arbeiter von der Organisierung der Industrie fernhalten, ihre Gewerkschaften, den Ausdruck der Klasseninteressen des Proletariats, der Möglichkeit berauben, ihren Schöpfungsgeist in der Produktion und Organisation der neuen Wirtschaftsformen zu entfalten, während man volles Vertrauen in die „Fähigkeit“ der Spezialisten, die für die Durchführung eines ganz anderen Produktionssystems vorbereitet und trainiert sind, — das heißt, von dem Wege des wissenschaftlichen marxistischen Denkens abgleiten. Und das ist gerade das, was von unseren Parteispitzen jetzt getan wird. Die ganze Katastrophe unserer Wirtschaft, die noch auf dem kapitalistischen Produktionswesen (Bezahlung der geleisteten Arbeit mit Geld, Lohntarife, Kategorien der Arbeit usw.) fußt, in Betracht ziehend, suchen unsere Parteiführer in einer Anwandlung von Mißtrauen in die schöpferischen Fähigkeiten der Arbeiterkollektive eine Rettung vor dem wirtschaftlichen chaotischen Zusammenbruch in den Überresten der bürgerlich-kapitalistischen Vergangenheit, in den Geschäftsleuten und Technikern, deren Schöpfungskraft besonders in der Industrie und Wirtschaft mit der Routine, den Gewohnheiten und Methoden des kapitalistischen Produktionssystems beschmutzt ist. Sie sind es nämlich, die den lächerlich naiven Glauben verbreitet haben, daß es möglich sei, den Kommunismus auf bürokratische Weise durchzusetzen. Dort, wo es noch nottut, zu suchen und zu schaffen, machen sie schon „Vorschriften“.

Je mehr die militärische Front von der ökonomischen Front an zweite Stelle gedrängt wird, desto schärfer und quälender wird unsere schreiende Not, desto prononcierter der Einfluß jener Gruppen, die nicht nur dem Kommunismus innerlich fremd und organisch feindlich, sondern auch absolut kraftlos sind, ihre lebendigen Schöpfungsfähigkeiten für die Einführung neuer Formen der Organisation der Arbeit, neuer Motive zur Intensivierung der Industrie und neuer Methoden zur Regelung der Produktion und Verteilung zu entwickeln. Alle diese Techniker, Geschäftsleute und Praktiker, die gerade jetzt im Sowjetleben an der Oberfläche auftauchen und beginnen an der produktions-wirtschaftlichen Politik Hand anzulegen, üben durch und innerhalb der Sowjetinstitutionen auf unsere Parteiführer einen Einfluß aus.

  1. Der alte mutierte später zum Faschisten… [zurück]

5 Antworten auf “»Die schöpferische Tätigkeit der Klasse ist außer acht gelassen.«”


  1. 1 Oompa Loompa 22. Juli 2010 um 13:56 Uhr

    Auch wenn das für obigen Artikel eher irrelevant ist…

    Würde mich schon interessieren, warum der nun zum Faschisten geworden ist?!
    War er schon als Kommunist entsprechend nationalistisch „geläutert“? Und kann man möglicherweise davon ausgehen, dass sein Antistalinismus und folgend seine Erfahrungen mit dem Stalinismus dafür prägend waren?

  2. 2 Wendy 22. Juli 2010 um 18:53 Uhr

    Ich empfehle die Beiträge zum Thema. Der war auf jeden Fall nicht blöd, hat zum Beispiel auch die Wende kritisiert, als nicht mehr die Arbeiterklasse das politische Subjekt der KPdSU war, sondern „das Volk“. Soweit ich mich erinnere, war in dem Buch nichts, was anschlussfähig für faschistisches Gedankengut war. Kann sein, dass ich etwas übersehen habe oder dass seine Turn ganz andere Gründe hatte. Interessieren würde mich das allerdings auch. Es ist mir, ehrlich gesagt, nach Lektüre des Buches unerklärlich.

  3. 3 Anonymus 24. Juli 2010 um 21:02 Uhr

    In diesem Zusammenhang vielleicht von Interesse:

    Philippe Bourrinet: Ante Ciliga (1898-1992). Lebensweg eines Kommunisten aus Kroatien

  4. 4 Wendy 24. Juli 2010 um 22:17 Uhr

    Laut diesem Artikel war Ciligas Engagement im Ustascha-Staat weniger stark, als von mir angenommen und auch mit Überlegungen des puren Überlebens verbunden. Faschist war er offensichtlich nicht, dafür jedoch nationalistisch degeneriert, was auch auf die lange Reihe von Rückschlägen, Enttäuschungen und Grausamkeiten zurückzuführen ist, mit denen ihn die „kommunistische“ Bewegung konfrontiert hat.

    Besten Dank für den Artikel, Anonyme_r!

  5. 5 Bold 25. Juli 2010 um 7:21 Uhr

    Das wollte ich noch anmerken: Mir scheint der Titel „Faschist“ auch etwas gar streng. Der ehemals gute Mann wurde einfach sowas wie ein glühender Nationalist, was in Kroatien mit seiner klerikal-faschistischen Schlagseite halt immer schon besonders verdächtig ist.

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