Kritik des herrschaftlichen Anspruchs, der im Begriff der Heimat enthalten ist.

…und das Lied ist für diejenigen, deren Heimat es 20 Jahre nach „dem Ende“ nicht mehr gibt. Es ist eine sehr gute Darstellung der Funktion der Ideologie „Heimat“: Prenzlauer Berg ist scheiße und abgeranzt, aber dafür ist hier DDR – und die DDR sind wir. Das ist da zumindest unter anderem enthalten. Was man in der DDR und vor allem ihren Führungsetagen mit Sozialismus meinte, wird ja im Text kritisiert. Taugte schon mal als Weg zum „Kommunismus“ nichts!

2. Rechtfertigen wollte die SED ihre Staatsgründung vor den Leuten, die der Sieg der Roten Armee ihrer Macht unterstellt. Daß ein Krieg, keine Revolution, sie zur herrschenden Partei gemacht hatte, ist für sich nichts Ehrenrühriges. Um so mehr wäre es für die Kommunisten fällig gewesen, die Erkenntnisse über Lohnarbeit und „nationale Identität“ unter die Massen zu bringen, ohne die zwar allerlei Umsturz, aber keine Revolution in Richtung Kommunismus zu machen ist. Die SED hat aber etwas anderes vorgehabt, nämlich die Eröffnung eines neuen Staates mit – verstaatlichter – Lohnarbeit, politischer Hrrschaft und nationalem Konkurrenzerfolg. Deswegen hat sie ihre Masen auch auf die denkbar schlechtste Gemeinsamkeit festgelegt, nämlich die Unterordnung aller unter ein und dieselbe Staatsgewalt. Mot „Sozialismus“ hat sie einen Idealfall dieser Gemeinsamkeit gemeint, also einen nationalen Kollektivismus propagiert. Die SED hat eben nie das politische Programm gehabt, in ihrem Zuständigkeitsbereich gesellschaftliche Verhältnisse zu schaffen, die mit ihrer selbstverständlichen und einleuchtenden Nützlichkeit für die damit beglückten Werktätigen die Existenz einer allgegenwärtigen Staatsgewalt überflüssig gemacht hätten. Statt dessen hat sie ein System gesetzlich erzwungener Dienste und Abhängigkeiten hergestellt und dies den Leuten als ihre Hiemat ans Herz gelegt – ganz nach der reaktionären Logik, welche die von der Staatsgewalt gestifteten „Realitäten“ als vorgegeben Lebensumstände deutet, in die der Mensch hineingeboren wird, in die er sich deshalb fügen muß und die er deswegen auch noch liebgewinnen soll.
Für ihre Arbeit am DDR-Nationalbewußtsein hat die SED gegen ihren eigenen sozialistischen Idealismus seit jeher den leicht zynischen Extra-Grund auf Lager, man dürfe die Leute nicht mit zu viel Vernunft und Sozialismus überfordern und könnte eine Gesellschaft sowieso nicht „vom Kopf her“ aufbauen. Nun ja, sie haben es ja auch nicht nötig gehabt, Leute dafür zu agitieren, daß sie mit guten Gründen, also „vom Kopf her“, eine Revolution machen. Und die Gefahr einer Überforderung des antikommunistischen Gemüts durch sozialistische Einsichten war sowieso nie gegeben, weil die dafür ja erst einmal hätten vorliegen müssen. Die Parteiideologie von der Rücksicht, die man aufs Volk und seine unterentwickelte Bereitschaft zu einem richtigen Sozialismus nehmen müßte, ignoriert aber vor allem die auch nicht ganz einfache allgemeine Lebensaufgabe, die dem Bürger mit der Aufforderung zur Heimatliebe gestellt ist. Schließlich soll er sich daran gewöhnen, nichts in die eigenen Hände zu nehmen außer seiner Anpassung, die aber gründlich. Die Lebensverhältnisse, in die ja nicht wirklich „das Leben“, sondern die SED ihn hineingestellt hat, soll der Mensch nicht beurteilen, sondern gar nicht nach ihrem politischen Grund und Zweck, sondern hinnehmen und nach Gelegenheiten absuchen, sich darin wohnlich einzurichten. Und egal, wie die Suche ausgeht, soll er unverdrossen für „seine“ Heimat sein, einfach deswegen, weil er dazugehört und sowieso keine andere hat.1

  1. Peter Decker / Karl Held: Abweichende Meinungen zur „deutschen Frage“
    DDR kaputt
    Deutschland ganz

    Eine Abrechnung mit dem „Realen Sozialismus“ und dem Imperialismus deutscher Nation, Seite 39.[zurück]

3 Antworten auf “Kritik des herrschaftlichen Anspruchs, der im Begriff der Heimat enthalten ist.”


  1. 1 hallochemnitz 11. Oktober 2010 um 1:16 Uhr

    mir wird uebel von diesem lied

  2. 2 Wendy 11. Oktober 2010 um 12:31 Uhr

    Es sei dir gegönnt. Ich glaube, ich finde es gut und schlecht.

  3. 3 Hank 14. Oktober 2010 um 17:29 Uhr

    Offtopic

    Das KAPITAL lesen! (PDF)
    Einladung zum regelmäßigen Studium des Klassikers

    Wir bieten einen Kapitalkurs an, weil wir Marx’ Erklärungen sowohl richtig als auch
    aktuell finden. Seine „Kritik der politischen Ökonomie“ erklärt, woher der Reichtum
    im Kapitalismus kommt und wie sich Nutzen und Schaden dauerhaft verteilen.

    „Das Kapital“ bietet ungewohnte Gedanken über Gebrauchswert und Tauschwert, kon-
    krete und abstrakte Arbeit, Geld und Nutzen, Arbeit und Reichtum – Begriffspaare,
    die unsere moderne Welt nicht mehr auseinander halten kann, während sie tatsäch-
    lich die härtesten Gegensätze enthalten.

    Kritisch hat sich der Alte schon vor 150 Jahren zu Erklärungsversuchen geäußert, die
    nach seiner Auffassung nicht die Wurzel des Übels erfassen. Neben der Lektüre gibt es
    deshalb auch genügend Raum für die Diskussion aktueller kritischer Auffassungen – ob
    zur Globalisierung, Konjunktur(-politik) und Armut, oder zur Ökologie, etc.

    Wann: ab 25.10.2010 immer Montags, 18:30 Uhr
    Wo: HU Berlin, Dorotheenstraße 24 (Hegelbau, Raum 607), S/U Friedrichstraße

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