Der ‚Friedensmarsch‘ der ‚Zapatisten‘ nach Mexiko-City: Eine Guerilla präsentiert sich als nationale Kraft – das hat den Indios noch gefehlt!

Die Zeiten, in denen ich die Kulleraugen-Guerilla gut fand, sind lange vorbei. Dafür reichte bei mir die Beschäftigung mit deren Programm. Vielen Leuten ist dieses wiederum völlig egal. Dafür gibts ja schöne T-Shirts und tolle Fotos vom reitenden Commandante Marcos und vermummten Indianern mit Knarren. Hier mal ein Artikel, der sich mit den zentralen Forderungen dieser Leute auseinandersetzt.

„Der Regierung wird die Obhut über das Vaterland entzogen; die Fahne von Mexiko, das oberste Gesetz der Nation, die Hymne Mexikos und das Nationalwappen sind ab heute unter der Obhut der Widerstandskräfte, bis die Legalität, die Legitimität und die Souveränität auf dem ganzen nationalen Gebiet wieder hergestellt sind.” (Erklärung aus dem Lacandona-Wald) „Wir marschieren heute, weil die mexikanische Fahne die Unsere werden soll, aber stattdessen bietet man uns das zerfetzte Tuch des Schmerzes und des Elends ” (Le Monde diplomatique, März)

So marschiert diese Guerilla demonstrativ durchs Land, um ihrem Staat mit einem eigenen patriotischen Beitrag zum Gelingen der Herrschaft zu dienen. Gegenüber einer Herrschaft, die ihren Massen selbst die elementarsten Lebensbedürfnisse gewaltsam streitig macht, treten die Vorkämpfer für ‚Vielfalt‘ im politischen Leben mit dem Schlachtruf ‚Einheit statt Spaltung‘ an und legen den Vertretern der Staatsgewalt die drangsalierten Massen als die besten und aufopferungsvollsten Anhänger Mexikos ans Herz. Die wollen endlich zu einem Staat halten können, der sie als staatstragende Basis gar nicht braucht und schätzt:

„Wir wollen ein Teil von Mexiko sein, Indianische Mexikaner“ in einem „Nationalstaat Mexiko, der gerechter und solidarischer ist”; damit „wir alle in den entscheidenden Augenblicken unserer Geschichte unsere Unterschiede zurückstellen gegenüber dem, was wir gemeinsam haben, das ist, dass wir Mexikaner sind.” (Rede vor dem Kongress)

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11 Antworten auf “Der ‚Friedensmarsch‘ der ‚Zapatisten‘ nach Mexiko-City: Eine Guerilla präsentiert sich als nationale Kraft – das hat den Indios noch gefehlt!”


  1. 1 distant_lights 27. Oktober 2010 um 17:35 Uhr

    Wenn die Zapatisten dem mexikanischen Staat den Krieg erklären und dabei in Bezug auf ein begrenztes Stück Land, eine Region, etc. zeitweise gewinnen, dass heißt die Souveränität des mexikanischen Staates aussetzen, was haben sie dann gewonnen? Richtig, ein eigenes Territorium in dem sie souverän sind. Und wie nennt man das noch, wenn sich das weiter in Institutionen sedimentiert? Richtig, einen Staat.

    Mit dem GSP-Standpunkt kann man sicherlich gut Kritik an Leuten üben, die am Staat garnichts suspektes finden, aber man kann eben nicht die ganze Welt damit erklären.

  2. 2 Wendy 27. Oktober 2010 um 20:29 Uhr

    Also dass die mitnichten einen eigenen Staat wollen, haben sie ja selbst erklärt. Souveranität wollen sie ebenfalls nicht, höchstens bestimmte Autonomierechte. Nach deiner Rechnung wären bestimmte spanische Bundesstaaten oder meinetwegen Südtirol eigene Staaten.
    Dass die da überhaupt irgendwie machen können, liegt ja nun nicht an deren starker Armee (lol), sondern daran, dass der mexikanische Staat offensichtlich weiterhin kein großes Interesse an der Region und ihrem Menschenmaterial hat. Jetzt kommt halt noch dazu, dass er sich die Verfügung darüber gegen eine Guerilla-Truppe und vor allem ein widerständiges Völkchen erkämpfen müsste. Kosten-Nutzen.

  3. 3 distant_lights 28. Oktober 2010 um 13:01 Uhr

    „Also dass die mitnichten einen eigenen Staat wollen, haben sie ja selbst erklärt. Souveranität wollen sie ebenfalls nicht, höchstens bestimmte Autonomierechte.“

    - Und das ist ja der Haken an der Sache. In einer Welt voller Nationalstaaten kann man nicht einfach ein Außen herstellen, welches nach innen einigermaßen stabil und ausdifferenziert ist, das dann nicht wiederum die Form einer Nation annimmt. Im Systemtheorie-Jargon könnte man sagen das vom System Abgetrennte würde irgendwann, wiederum eine Umwelt für das System werden wie es die anderen Nachbarnationen sind.

    Dass, wie du hingewiesen hast, die Zapatisten nicht souverän (im Sinne C. Schmitts) sind, ändert ja nichts an der Logik die in der Sache steckt.

  4. 4 Wendy 28. Oktober 2010 um 13:27 Uhr

    Eine Nation ist viel mehr als eine (von bewaffneten Kräften bewachte) Außengrenze. Es ist der vermeintlich gemeinschaftlich-kooperative (ideologische) Rahmen einer polit-ökonomischen Veranstaltung, deren gesellschaftliche Widersprüche nur durch die Betreuung eines mit Gewaltapparat ausgestatteten Souveräns zu einer irgendwie (für die besitzende Klasse und den Staat) funktionierenden Sache gemacht werden können.
    Was soll das überhaupt, unter völliger Ignorierung der konkreten Ausformung der Organisations- und Wirtschaftsweise einer Gesellschaft diese bei Vorhandensein von irgendwelchen verbindlichen und stabilen „Strukturen“ auf „Staat“ und „Nation“ zusammen zu kürzen.
    Abgesehen von deiner Behauptung eine kommunistische Revolution und ein kommunistisches Gemeinwesen wären wegen „kann man nicht“ ein Ding der Unmöglichkeit, finde ich es hochinteressant, dass du komplett unter den Tisch fallen lässt, dass es den Zapatisten überhaupt garnicht darum geht, sich vom mexikanischen Staat abzugrenzen und ein völlig anders geartete Gesellschaft aufzuziehen. Die wollen Teil der mexikanischen Gesellschaft, der kapitalistischen Barbarei, der nationalen Gemeinschaft sein. Unter der Beachtung ihrer völkischen Grillen. Und zwar weil sie eine Menge vom Staat und dieser Gesellschaft halten. Dies ist Inhalt des Artikels (ich empfehle dir die Lektüre). Die Kritik passt da vollkommen.

  5. 5 Entdinglichung 28. Oktober 2010 um 14:48 Uhr

    „Kulleraugen-Guerilla“ … mit einem derartigen Vokabular könntest du auch glatt in der BaHamas schreiben

  6. 6 ZK der Revolution 28. Oktober 2010 um 15:56 Uhr

    Notiz:

    Die (Ex-) Genossin Wendy bezeichnet den globalen Kampf, Sektion Zapatista / Mexiko, als „patriotischen Beitrag zum Gelingen der Herrschaft“ und mehrt den imperialistischen Staat des Monopolkapitals mit den entrechteten und unterdrückten Ländern des Südens zusammen. Unter dem Deckmantel der „Kritik“, die in der politischen Vierteljahreszeitschrift „Gegenstandpunkt“ – falsch – abgeschrieben wurde, wird hier nach den einfachsten und durchschaubarsten Manöver die Abkehr der eigenen politischen Theorie vorbereitet. Nach neuerlichen antideutschen Exzessen ist das also eine endgültige Kamfansage an all die Völker dieser Welt, die um Befreiung von Unterdrückung und Ausbeutung kämpfen.
    Hiermit ergeht erst Kreuzberg, und dann ei nganzes Weltverbot.

    Gez.: Der Erstbevollmächtigte des Zentralkomitees der Revolution, Abschnitt Feindbekämpfung.

  7. 7 Wendy 28. Oktober 2010 um 16:17 Uhr

    Entdinglichung: Brat-Alarm, Brat-Alarm! Damit ist der Rassismus gemeint, der bewirkt, dass sich Leute völlig unkritisch und ohne große Beschäftigung mit den Inhalten einer Organisation mit ihr solidarisieren.

  8. 8 Lobo Grey 28. Oktober 2010 um 19:32 Uhr

    Woher weisst du, dass das auf den Fotos Indianer sind, wenn sie doch vermummt sind?????

  9. 9 Wendy 28. Oktober 2010 um 22:32 Uhr

    Kleidung, Hautfarbe, Selbstbezeichnung (der Organisationen, denen die jeweiligen Leute angehören), etc..

  10. 10 schons 29. Oktober 2010 um 15:31 Uhr

    inuit heißen die!

  11. 11 Wendy 30. Oktober 2010 um 11:17 Uhr

    Ein guter und ein schlechter Spruch. Das war der gute. Aber eigentlich kannst du doch mehr.

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