Wie die kapitalistische Art die Arbeit zu organisieren den Proletarier durch die Mangel dreht. Teil 1.

„Konkret“ organisiert das kapitalistische Unternehmen die „abstrakte“ Arbeit daher so, dass es alles vorgibt – Technik, Maschinerie, Rohstoffe, den Produktionsablauf, die Arbeitsteilung, die produktiven Potenzen der angewandten Arbeit selber – und den „menschlichen Faktor“ als flexibles Höchstleistungsinstrument einsetzt. Darin ist eingeschlossen, dass der kapitalistisch durchorganisierte Betrieb den „Output“ an gegenständlichem Reichtum vom „Input“ an menschlichem Interesse, handwerklichem Geschick, Engagement und sogar Arbeitszeit weitestgehend emanzipiert, was ein reiner Segen für die werktätige Menschheit – wäre, wenn es denn darum zu tun wäre. Weil es tatsächlich aber u alles andere als größstmögliche Bequemlichkeit beim Produzieren geht, nämlich um das im Sinne des Unternehmnes optimale Verhältnis zwischen dem „Input“ an bezahlter Arbeit und dem „Output“ an Gelderlös, wird der Produktionsprozess darauf abgestellt, auch und vor allem aus dem Arbeiter als dem flexibelsten „Faktor“ im gesamten Verfahren den größtmöglichen „Beitrag“ herauszupressen.
Die angewandten Arbeitskräfte werden dadurch grundsätzlich mit zwei Forderungen konfrontiert, denen sie zu genügen haben, wenn sie den „abstrakten“ Zweck, den sie mit ihrer Arbeit verfolgen, realisieren und ein Geldeinkommen erzielen wollen. Sie müssen sich an die Funktionen anpassen, die die jeweils modernste Technologie des kapitalistischen Gelderwirtschaftungsprozesses für menschliche Arbeit vorsieht und vorgibt, wobei ein Maximum an Leistung, in welcher Disziplin auch immer, allemal zu den betriebswirtschaftlichen Vorgaben gehört; und sie müssen die entsprechenden Belastungen, die von ganz anderer Art sind, als die widrigsten natürlichen Lebensumstände sie je der Menschengattung beschert haben, aushalten. „Abstrakte“ Arbeit verlangt nie dagewesene Verrenkungen physischer, mentaler und intellektueller Art; durchaus auch immer neue, kaum dass die zuvor geforderten zur Gewohnheit geworden sind; und diese a tempo. So gründlich testet die kapitalistische Technologie Belastbarkeit und Anpassungsvermögen der Menschen aus, dass am Ende das entgegengesetzte Extrem zum Wunsch nach Bequemlichkeit: das Kriterium der Aushaltbarkeit der Arbeit sowie der Leistungsfreundlichkeit der Arbeitsbedingungen, in die Technologie der „abstrakten“ Arbeit Eingang findet. Die ergonomisch durchstudierte Menschengattung lernt auf diese Weise am eigenen Leib lauter bislang verborgene Potenzen und neuartige Qualitäten ihres Arbeitsvermögens kennen. Bis ins kapitalistische Zeitalter hinein völlig unterentwickelt gebliebene Fähigkeiten treten zu Tage. Höchstgeschwindigkeit bei eigenartigen Verrichtungen, höchste Aufmerksamkeit über Stunden, Arbeitsrhythmen unabhängig vom natürlichen Tag und ohne Abwechslung im Jahresablauf oder auch mit ganz plötzlichen Rhythmuswechsl, Krach, Gifte aller Art, Verletzungsgefahren durch Maschinerie und Energiequellen, Vereinseitigung beim Kraft und Nervenaufwand – das alles lässt sich tatsächlich aushalten. Für ein wenig Lohn sogar freiwillig.1

Sick society.

  1. Hecker, Decker: »Das Proletariat«. [zurück]