„Widerspruchslösung“: Wenn der Staat dir an die Innereien will.

Die Verfügungsgewalt über den eigenen Körper, die einem angeblich auch niemand streitig machen darf, ist im Zweifelsfall eine Sache, an der ein Staat vorzüglich herumdefinieren kann. Und wie bei Knast, Todesstrafe, Wehrdienst, Zwangsarbeit und Hungerrationen sind die Folgen dieser Zurichtung des Volkes auf die staatliche Zwecksetzung der erfolgreichen Reichtumsproduktion noch nicht einmal dazu geeignet, Nationalisten ein Licht über ihr Verhältnis zum Souverän aufgehen zu lassen. Menschen, die am lohnarbeitsbedingten Körperverschleiß bei sich und anderen als natürliche Folge eines arbeitsamen Lebens nicht schlimmes erkennen können, können es wiederum nicht gutheißen, wenn „bis zu 12.000 Menschen jährlich“ in Deutschland sterben, weil sie auf eine Organspende angewiesen sind. Da sind sie ganz mit dem Staat – der weiß ja auch, dass die drei Viertel seines Volkes, die keinen Organspendeausweis haben, genügend nützliches aus ihrem Körper abzugeben hätten – zumal sie es ja nach so oft sowieso nicht mehr brauchen.
Verfügung über den Körper könnte also bald „Wenn du es versäumt hast, Formular B auszufüllen, schlachten wir dich aus“ heißen. Das ist vereinbar mit dem Quatsch-Konstrukt „Würde des Menschen“. Weil es vereinbar mit dem Recht der BRD ist.
Aber halt! So eine Diskussion ist nicht vollständig und demokratisch, wenn sich nicht eine kritische Öffentlichkeit einschaltet. Beispielsweise im Inforadio, wo eine Reporterin den Willen der Leute gegen die Erfordernis des Organlieferantentums abwiegt und ein Pfaffe sich dafür ausspricht, die Leute statt mit bösem staatlichen Zwang1 mit einer großangelegten, schmierigen moralischen Erpressuungskampagne – damit kennt er sich aus! – zum Spenden zu bewegen. Na schönen Dank auch. Ein Glück hat mein Interesse solch prominente Fürsprecher!

  1. Meint der eigentlich, solche Formulierungsfragen wären ein großes Hindernis? Man kann ihm ganz einfach Recht geben und bürokratisch genau das Wort „Spende“ durch eine korrekte Formulierung ersetzen… [zurück]

13 Antworten auf “„Widerspruchslösung“: Wenn der Staat dir an die Innereien will.”


  1. 1 Arrgh! 11. September 2011 um 18:16 Uhr

    Ich liebe deinen Blog, aber du hast echt so einen beschissenen Musikgeschmack, das ist kaum zu etragen.

  2. 2 Wendy 12. September 2011 um 0:22 Uhr

    Danke Aargh! Ich tue mein Bestes, um dir gute Musik näherzubringen. Ich hör übrigens nicht nur Punk und HipHop. ;)

  3. 3 John Lurie 12. September 2011 um 11:58 Uhr

    The Lounge Lizards: Stuttgart 1989 und Berlin 1991

  4. 4 Wendy 12. September 2011 um 17:30 Uhr

    Da ich gerade keine Zeit habe, die Videos anzuschauen und mir einen eventuell tieferen Sinn zu erschließen: Äh?

  5. 5 hä? 12. September 2011 um 18:27 Uhr

    „Verfügung über den Körper könnte also bald „Wenn du es versäumt hast, Formular B auszufüllen, schlachten wir dich aus“ heißen.“

    Und? Wie sehr Eigentums- und Selbstbestimmungsfan muss man eigentlich sein, wenn man beim Abkratzen andere von den – natürlich „eigenen“ – Organen ausschließen will? Diese Dinger verrotten nur, wenn man sie nicht entnimmt.

  6. 6 Wendy 13. September 2011 um 3:48 Uhr

    Gegenstand war, was sich der Staat alles herausnimmt, im wahrsten Sinne des Wortes, wenn es seinen Zwecksetzungen entspricht und ein Schlaglicht auf die Debatte darum.

    Dass Organ“spenden“ eine gute Sache sein kann – dem Staat geht es ja hierbei nicht darum, dass man länger Eier schaukeln kann, sondern, dass er ein gesünderes Volk mehr produktive Arbeit leisten kann –, ist damit nicht bestritten. Ich kann mir durchaus vorstellen, dass – manchmal – Organspender schneller über die Klinge springen als Nicht-Spender, das ist in diesen Satz mit eingeflossen. Und was ich mit meinem Körper mache und wie vollständig der bleibt, auch wenn man mit einer halben Leber und einer Niere leben kann oder auch, wem ich im Zweifelsfall jemandem etwas von ihm abgebe inklusive relativ schwerer Operation, ist dann doch eine Sache, über die ich gerne entscheiden würde.

  7. 7 hä? 13. September 2011 um 8:53 Uhr

    Dass Organ“spenden“ eine gute Sache sein kann – dem Staat geht es ja hierbei nicht darum, dass man länger Eier schaukeln kann, sondern, dass er ein gesünderes Volk mehr produktive Arbeit leisten kann –, ist damit nicht bestritten.

    Natürlich geht es ihm nicht einfach um Gesundheit. Trotzdem ist die Widerrufsregelung richtig. Man muss, wie gesagt, ein Selbstbestimmung-bis-in-den-Tod-Fanatiker sein, um auch noch im HIRNTODstadium mit Organen zu geizen zu wollen. Und auch religiösen Freaks („Ich komme nur ganz in den Himmel.“) sollte man keinen Respekt zollen, denn das ist eine Argumentation, die unvernünftiger nicht sein könnte. Wegen deren eingebildeter göttlicher Herrschaft andere verrecken zu lassen, kann’s nicht sein.

    Und was ich mit meinem Körper mache und wie vollständig der bleibt, auch wenn man mit einer halben Leber und einer Niere leben kann oder auch, wem ich im Zweifelsfall jemandem etwas von ihm abgebe inklusive relativ schwerer Operation, ist dann doch eine Sache, über die ich gerne entscheiden würde.

    Als Hirntoter – und es geht bei der Widerspruchsregelung um Hirntote – entscheidet man in der Regel gar nichts mehr, weil man dazu die Kapazitäten nicht mehr hat.
    Ich verstehe diese komische Haltung „Ich entscheide bis weit in die Zukunft über das Leben anderer, wo ich selber schon lange nurmehr ein verrottendes Stück Fleisch bin“ nicht im geringsten.

    Und dieser Gedanke wird auch nicht richtiger mit dem Verweis auf die BRD.

    Hirntoten gehören auch im Kommunismus die Organe ausgeräumt, wenn sie noch was taugen. Alles andere ist absurd.

    Du kannst dir vorstellen, dass … Viele europäische Länder haben die Widerspruchsregelung, und davon, dass man da andauernd Lebensfähige um die Ecke bringt wegen ihrer Organe, ist mir nicht bekannt. Was mir bekannt ist: Weil so viele sogar noch im Hirntodstadium geizen wollen, werden woanders gesunde Leute ganz selbstbestimmt ausgenommen – ein paar Euro kriegt man schon für eine Niere. Und auch in der BRD gab es den Vorschlag schon für H4-Empfänger: Ganz selbstbestimmt und superfreiwillig sollen die ihre Organe, z.B. eine Niere, gegen Geld tauschen dürfen. Lässige Lösung, wo man in das selbstverständlich ganz freiheitlich zu wahrende Selbstbestimmungsrecht Hirntoter NICHT eingreift … DAS ist mit der Würde des Menschen natürlich viel besser vereinbar, passender geht’s kaum.

  8. 8 Wendy 13. September 2011 um 13:25 Uhr

    Natürlich geht es ihm nicht einfach um Gesundheit. Trotzdem ist die Widerrufsregelung richtig.

    Aua.

  9. 9 hä? 20. September 2011 um 13:20 Uhr

    Etwas kann richtig sein, auch wenn die Begründung falsch ist.

  10. 10 hä? 20. September 2011 um 13:21 Uhr

    Und geh bitte auf den Rest ein. Wieso sollte es falsch sein, einem HIRNTOTEN die Organe zu entnehmen? Weil man auch die freiheitliche Selbstbestimmung von HIRNTOTEN respektieren sollte?

  11. 11 Wendy 20. September 2011 um 16:52 Uhr

    Es geht in dem Beitrag nicht um Hirntote. Ich habe keine Ahnung, warum du das Thema aufmachst und so tust, als wäre das etwas, worüber ich mich jetzt unbedingt mit dir unterhalten müsste. Ansonsten habe ich weiter oben schon alles dazu geschrieben.

  12. 12 tee 20. September 2011 um 23:53 Uhr

    Es geht in dem Beitrag nicht um Hirntote.

    na sicher doch. oder beziehst du dich auf irgendeine lebend-organspender-debatte, von der wir nichts wissen? dann ist der organspendeausweis da aber fehl am platz!

    „hä?“ hat mit seinem einwand, daß es sich bei deinem insistieren offensichtlich um selbstbestimmungsfańtum handelt, daß noch einige anarchos blass aussehen lässt, schon nicht ganz unrecht. dagegen hilft auch deine (einzige) prämisse, die nationale arbeitskraftreproduktion, nicht viel. ein arger scheuklappenblick, bei dem andere mögliche interessen gar nicht mehr vorkommen können.

    „der staat“ ist hierbei wieder einmal nämlich auch die summe seiner agierenden subjekte und deren einzelwillen. den staat derart wie einen gesellschaftlich interagierendes subjekt zu behandeln, mit eigeninteressen und einem impliziten willen, lässt die eigeninteressen und jeweiligen willen der staatsakteure außen vor und verstellt den blick auf den jeweiligen gegenstand (hier: organspenderegelungen). mag für einfache erklärungen („staatliche Zwecksetzung der erfolgreichen Reichtumsproduktion“*) taugen, nur leider sind die meist falsch, zumindest teilweise.

    *allein diese vulgärkommunistische phrase erscheint schon wie eine invertierte bild-schlagzeile, bringt sie doch (scheinbar) auf den punkt, was nicht auf einen punkt zu bringen ist.

    sehr gutes beispiel, was du aus deiner prämisse so machst:

    Menschen, die am lohnarbeitsbedingten Körperverschleiß bei sich und anderen als natürliche Folge eines arbeitsamen Lebens nicht schlimmes erkennen können, können es wiederum nicht gutheißen, wenn „bis zu 12.000 Menschen jährlich“ in Deutschland sterben, weil sie auf eine Organspende angewiesen sind.

    wo ist da der kausale zusammenhang???
    auch menschen, die tatsächlich schlimmes „am lohnarbeitsbedingten Körperverschleiß bei sich und anderen als natürliche Folge eines arbeitsamen Lebens“ erkennen können, heißen meist 12,000 tote jährlich nicht gut. so what?!
    genauso gut hättest du dort „raucher“ oder „grundschullehrer“ schreiben können. AU WEIA, da bin auch ich „ganz mit dem staat“! nur weil mein eigeninteresse mehr organspenden sind, weil ich nicht irgendwann mal einer von den 12.000 sein will. mein gemeinsamer zweck, nämlich mehr organspenden, soll mein gemeinsames interesse begründen, das dann den gemeinsamen zweck bestimmt. oh je, mich kreiselt’s …

    ps: GANZ davon abgesehen, daß organempfänger in den meisten fällen sowieso nicht mehr zur sog. arbeitsfähigen bevölkerung zählen und eher die kranken- und pflegekassen belasten. als ob leute mit spendernieren, -lebern und -herzen noch so viel zur „reichtumsproduktion“ beitragen würden.

  13. 13 Wendy 21. September 2011 um 0:38 Uhr

    Offensichtlich geht es diesen Leuten nicht darum, jegliche Krankheit und Gebrechen zu bekämpfen, sondern solche, die dem nationalen Erfolg im Wege stehen. Wer dann welchen Anspruch auf ein Spenderorgan hat, wird ganz sicher auch nicht danach festgelegt, wer damit noch viel Zeit zum schöne Stunden verleben hat.

Die Kommentarfunktion wurde für diesen Beitrag deaktiviert.