Vom „alternativen Leben“…

Für manche ist darüber das Wohnen zum Lebensinhalt geraten, zum „alternativen Leben“ nämlich. Dessen Inhalt besteht hauptsächlich in der Ideologie, die eigene Privatsphäre staatsfrei gemacht zu haben. Diese Ideologie beruht auf dem verlogenen Versprechen des bürgerlichen Staats, sich aus dem Leben seiner Bürger, je privater, desto mehr, herauszuhalten. Daß derselbe Staat – und keineswegs nur der realsozialistische, der sich auf diesen Schwindel nie festgelegt hat – tatsächlich dauernd im Leben seiner Bürger bis in die Intimsphäre hinein herumreglementiert, ist für manche selbstbewußte Individuen immer wieder einmal der Anlaß, sich eine Verweigerungshaltung zuzulegen und „selbstbestimmt“ so ungefähr alles zu tun, was die öffentliche Ordnung verlangt und was sie darüber hinaus beim Staat an bürgerfreundlichen Diensten vermissen.

Mit diesem Standpunkt sind die Ostberliner Häuserkämpfer dem neuen Wind entgegengetreten, den die regierende SPD durch ihren Kiez wehen ließ. Je härter die Klarstellung, daß demokratische Freiheit so nicht gemeint ist, um so hartnäckiger besteht die Szene auf ihren Glauben an ihr Recht, ausgerechnet beim Wohnen gegen jedes staatliche Vorschriftenwesen ihre „selbstbestimmte Subjektivität“ zu entfalten. In diesem Sinne schafft sie es, den Einsatz von Polizei und Bundesgrenzschutz in einen Angriff auf ihre Individualität zu verdrehen; sie können von „Fremdbestimmtheit“ bloß noch psychologisch reden; sie klamüsern sich als Waffe und Widerstand solche Schimären wie „Zusammengehörigkeitsgefühl“ und „Kommunikation“ zurecht.

Erreicht haben sie mit diesen Übergängen in die Welt der psychologischen Selbstbetrachtung nur eins: Nachdem der Westberliner Senat ihnen die Polizei auf den Hals geschickt hat, kommt ihnen die demokratische Öffentlichkeit auch noch verständnisvoll differenzierend. Den aktiven Kampfeinsatz gegen die westlichen Polizeitruppen hat ihnen im übrigen weitgehend eine etwas andersgeartete Westberliner Szene abgenommen. Das „alternative Leben“, das die „Autonomen“ in Kreuzberg und anderswo gepflegt haben, hat schon längst den Übergang hinter sich, das unveräußerliche Recht auf eigene Subjektivität im Kampf beweisen zu wollen. Die Erfolge, um die es dabei geht, sind dementsprechend: Wenn man der Polizei des „Schweinesystems“ drei statt zwei Stunden (wie das letzte Mal) widerstanden hat, dann und nur dann ist man autonom und Mensch geblieben.

Häuserräumung in der neuen Hauptstadt: Der freiheitliche Rechtstaat räumt mit realsozialistischen Hausbesetzungen auf.


4 Antworten auf “Vom „alternativen Leben“…”


  1. 1 onkel bolle 18. September 2011 um 15:27 Uhr

    und ich dachte immer, es geht um die „vermieterfreiheit“, nicht um die „staatsfreiheit“. aber womöglich ist das alles eins …

  2. 2 Wendy 19. September 2011 um 14:46 Uhr

    Dann sind die letzten zehn Jahre Hausi-“Bewegung“ anscheinend an dir vorbeigegangen.

  3. 3 onkel bolle 21. September 2011 um 7:44 Uhr

    bzw. ich gehöre scheinbar – wie die meisten hausprojektler_innen, die ich kenne – nicht dazu.

  4. 4 Wendy 21. September 2011 um 14:52 Uhr

    Entweder das oder du bist einfach über alle Maßen dumm.

    Hier mal als Beispiel, man könnte aber auch jedes andere Hausprojekt aus der autonomen/anarchistischen Ecke (und um solche geht es in dem Zitat) nehmen:

    Liebig 34 is a Queer Anarcha-Feminist Collective and Social Living House-project. Queer represents the deconstruction of normative concepts of masculinity and femininity, the seperation of the categories of sex and sexuality, the deconstruction of the binarism of hetero- and homosexuality and also for the acceptance of a sexual pluralism that also includes bisexuality, transsexuality, transgender, inter-sexual and gender queer broadening the limitations of gay and lesbian fixed identification. Anarcha-feminism strives for a realization of a freedom, for society and the individual, by demolishing every kind of authoritarian rule, where organization is shared equally, empowering the individual and the group. Also by showing alternatives to the traditional hetero- normative family structure, creating other forms of living together. Anarcha feminists are supporting seperatistic woman’s organizations, but they do not oppose the cooperation with mixed groups. An anarchafeministic organisation is important, though the structure should be based on free will, it should not be hierarchical and the decision making should be based on the principle of consensus. The organisation contains sharing of work/tasks, rotation- principle, making internalised mechanisms of oppression visible and to encourage women to take certain tasks and acquire new skills. The living- and kultural project Liebig 34 is one of few houseprojects, that is exclusively inhabited by feminists who somehow define themselves as woman ( either because of biological sex , gender or both). At the moment 35 women are living in the house. Liebig 34 is inhabited by carpenters, tailors, medics, social workers, unemployed, designers, graphic artists, musicians, artists, students, photographers, physiotherapists, film-makers…. Coming from Switzerland, Austria, Finland, Norwey, Sweden, Italy, France, America, Latinamerica, Israel, Ireland, Germany, Portugal,…. Some only stay for a few months others live here for years. The house offers shelter of patriarchial oppression and the every day life sexism. The socialization of gender roles are disposed of within the collective allowing for a natural realization of the self for individuals The deconstruction of hierarchies between male and female or rather the aimed equality of people with different sexes does not mean the projection of male role models to women but rather the abolishment of sex specific division of labour and equal rights. Through the seperatistic living free of sexist normatives an atmosphere is created, in which feminists of every age can open up, develop and support each other in the process of emancipation.In form of workshops and working groups, we always try to strengthen and diversify the skills and talents of all of us. On the ground floor of Liebig34 there are the infoshop Daneben and the bar XB-Liebig.

    Also vorgelebte, alternative/anarchafeministische Lebensformen. Konkret bedeutet das, wie bei den anderen Hausprojekten auch, dass man jenseits von staatlicher Kontrolle und Lizensierung leben will, sich nicht reinreden lassen und sein Haus sowie die Lebensweisen dort den marktförmigen Spielregeln entziehen will. Gerichtsvollzieher, Vermieter, Bullen und so weiter sind daher keine gern gesehenen Gäste, sondern werden nach Möglichkeit mit allen Mitteln aus dem Haus gehalten. Oft gibt es dafür sogar spezielle Notfallpläne und Vorrichtungen. Wie einem sowas alles, ebenso wie alle Verlautbarungen solcher Projekte zusammen mit den überall angebrachten Parolen, Plakaten, Demonstrationen etc.entgehen kann, ist mir schleierhaft.
    Ein Fehler ist das erstens, weil man, wenn man sich an der Form der Herrschaftsausübung stört, noch garnicht mit deren Zweck beschäftigt hat – und die Garantie einer möglichst reibungslosen und erfolgreichen Reichtumsproduktion zur Vergrößerung der nationalen Macht ist eine Sache, an der Kritik durchaus angebracht ist, wenn man das Pech hat, zum Proletariat zu gehören –, weil es mit ein bisschen Vokü und verschlossenen Türen nicht getan ist, wenn man frei von Markt und Staat leben will und drittens die Masche, dem nationalistischen Nachbarn „vorzuleben“, wie eine alternative Gesellschaft aussehen könnte, reichlich sinnfrei ist, da der nicht einfach einfallslos oder feige ist, sondern weil der auf den Staat als Garanten und Überwacher der Konkurrenz setzt, da er sich in dieser Konkurrenz als Lohnarbeiter bewähren will.

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