Archiv der Kategorie 'Kritik im Handgemenge'

Zum Pluralismus.

Leute, die tatsächlich davon überzeugt wären, daß sie die Wissenschaft vorwärtsgebracht hätten, würden nicht Freiheit für die neuen Auffassungen neben den alten fordern, sondern eine Ersetzung der alten durch die neuen. (Lenin. Was tun? Brennende Fragen unserer Bewegung.)

Marg bar „Jungle World“! Zum dummen Text der Antifa Frankfurt.

Einleitend kann man sich eigentlich fragen, warum ausgerechnet mit der Antifa Frankfurt (am Main), deren Protagonisten ja schließlich zu den Leuten gehören, die der „Internationalen Solidarität“ und deren Befürwortern mit den teilweise sogar richtigen Argumenten den Garaus gemacht haben – und in der Folgezeit die „Internationale Solidarität“ zur internationalen Solidarität mit Nationen pervertiert haben – nun wieder genau die alte Linie einfordern: Irgendwo regt sich eine Bewegung, man vermutet, erhofft sich in ihr das ultimative revolutionäre Subjekt und ruft unkritisch zur Solidarität auf.
Der ganze Clou besteht wohl daraus, dass sich die heutigen linken (?) Protagonisten größtenteils genauso wie der gesellschaftliche Mainstream und die (extreme) Rechte als Kultur-Kämpfer verstehen. Die Vorstellung, es kämpften mehrere organizistisch und als relativ homogen vorgestellte Kulturkreise gegeneinander, ist schon großer Blödsinn. Dem Westen dann noch die Rolle des Vorkämpfers allen Gutens und den Anderen die der rückständigen Barbaren, die sich entweder an den fortschrittlichen Westen anzupassen oder unterzugehen hätten, ist rassistisch. Die positiven Bezugspunkte, die dem westlichen Bürger zur Hand gereicht werden, entpuppen sich darüber hinaus auch noch als die Kernpunkte bürgerlicher Ideologie und Staatlichkeit: Freiheit, Gleichheit, Menschenrecht, Demokratie, politische (rechtsstaatliche) Emanzipation des Menschen. Nun braucht man sich eigentlich nicht zu wundern, warum Antideutsche soetwas gut finden. (mehr…)

Re-Writing a Jungle World Article.

Nach dem rassistischen Mord an einer israelische Frau in einem Dresdener Gerichtssaal ist von wachsendem Antisemitismus die Rede. Das nützt vor allem den reaktionären Vertretern des Judentums.

Kommentar von Thomas von der Osten-Sacken

Dieser Tage beantwortet sich die häufig gestellte Frage, was denn der Unterschied zwischen Antisemitismus und Rassismus sei, selbst: Wird ein vermeintlicher Ausländer in Deutschland von Nazis oder anderen Rassisten ermordet, so stehen jene, die um ihn trauern und gegen die Mörder demonstrieren, alleine da. Ist dagegen »Antisemitismus« im Spiel, wird die Tat im wahrsten Sinne des Wortes zur Chefsache. Dann nämlich nehmen sich ihrer so illustre Gestalten wie der israelische Präsident Shimon Peres, israelische Ministerpräsident Netanjahu, und Charlotte Knobloch von Zentralrat der Juden; also Leute, denen die Tat kein Wort wert gewesen wäre, handelte es sich bei dem Opfer nicht um eine Kippa tragende Jüdin. […]

via communism Ich empfehle auch „Chucks“ Kommentar zum Thema. Die „Jungle World“ demontiert sich als linke Zeitung immer mehr selbst. Das wäre zumindest zu hoffen. Furchtbar wäre es, wenn der rassistische und sonstwie reaktionäre Müll, der in diesem Schandblatt verbreitet wird, auf größere Zustimmung in der Linken stoßen würde, somit als „links“ im deutschen Kontext zu bezeichnen wäre.

Danke Autonome! Pt. 2

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„Unbehagen von Gewicht“ – zur aktuellen Phase 2.

Die Phase 2 habe ich mir übrigens aufgrund ihrer Empfehlung durch Tekknoatze ausgeliehen – ein Fehler wie sich herausstellte. Einer der wenigen, wenn nicht sogar der Einzige, lesenswerte Artikel, der nicht unter der Zielstellung „Wie kann ich das Ganze in kaum verständlichem Universitätsdeutsch ausdrücken?“ geschrieben wurde, ist Andrea Trumanns Artikel „Pockets of Resistance“, der einem das identitäre Gehampel der Pop-Feministinnen (und Teilen der Queer-Bewegung) als Folge einer Ablehnung „traditioneller“ politischer Praxis erklärt. (mehr…)

Anpassung des Religiösen an moderne Erscheinungen – ein „revolutionärer“ (oder wenigstens sympathischer) Akt?

Oder doch ein alter Hut?

Die jüdische Lehre fordert sogar, die Thoralektüre immer wieder auf das eigene Leben und die Gegenwart zu beziehen.1 Peter Wald weist ebefalls auf das revolutionäre Element der jüdischen Diskurspraktik der Gedächtnispflege hin, die sich immer zwischen den Polen der möglichst genauen Überlieferung und der Erneuerung von Traditionen durch Interpretationen bewegt2 . Kristin Platt schreibt: »Nie waren jüdische Identifizierungen (Gesetz, Schrift, Überlieferung, Geschichtsverständnis) ein statisches Erbe; jüdische Tradition ist kein passiv von den jeweils vorhergehenden Generationen Geerbtes oder Vererbtes, kein über ein definiertes Codesystem festgeschriebenes unverrückbares Wissen, sondern […] eine Erbschaft, also eine generationale Übertragung, deren Sinn und Bedeutung jeweils erschlossen werden muss«.3 (The Golem’s Mighty Swing. Über die Rezeption der Golemfigur im Comic. Jonas Engelmann) (Hervorhebungen von mir)

Man deutet sich es halt um, wie man es gerade braucht. Einige Juden können Religiösität anscheinend auch mit einem punkigen Selbstverständnis in Einklang bringen. Das ist zumindest insofern progressiv, als dass es einem bestimmte Lebenswege und Identitätskonstruktionen nicht von vornherein verbaut und insofern reaktionär, als dass es nicht ohne größere Anpassungsleistungen (die in Richtung der Religion wie in Richtung des Punk erbracht werden müssen) ablaufen kann, die den in der Tat mindestens rebellischen, wenn nicht sogar „revolutionären“ Gehalt des Punk sicherlich verfälschen. Natürlich darf Religionskritik auch religiöse Elemente, mit denen subversive Subkulturen aufgeladen werden (siehe auch: „Jesus-Skins“) nicht verschonen, geht es doch Anhängern dieser oder jener Gottheit mit Ablegen ihres Glaubensbekenntnisses nicht mehr um eine objektive Analyse und eine daran anschließende Kritik ihrer Verhältnisse, sondern um das Einpassen ihrer Erlebnisse in der schlechten Gesellschaft und der Anforderungen jener Gesellschaft an sie in einen idealistischen Wertehimmel – was zumeist dazu führt, das mehr Moral (Nächstenliebe, Pro-Life, Enthaltung, Kampf gegen Dekadenz) in der verlotterten Welt eingeklagt wird oder, wie im Falle der lateinamerikanischen Befreiungstheologen, ein Kampf gegen die herrschenden Zustände aufgenommen wird, der jedoch selten auf einer richtigen Kritik beruht, sondern auf Gründen, die ausgerechnet den überlieferten Botschaften eines Gottes, über dessen Existenz an dieser Stelle nicht gestritten werden soll, entnommen wurden.
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Bildungsstreik und so.

Es passt also manches nicht zusammen im Streikaufruf: Da stellen die Streikkomitees der Schüler eine Reihe von Forderungen auf, in denen ihre Kritik an staatlicher Schulpolitik zusammengefasst ist, um dann am Ende wieder mit einem Plädoyer für die gerade eben kritisierte staatliche Bildungspolitik aufzuwarten. Im Schoß des Staates fühlen sie sich letztlich doch besser aufgehoben als in dem der Wirtschaft, verkünden sie mit ihrer Absage an jeglichen Einfluss ökonomischer Macht. Als ob man hierzulande zwischen Staats- und Geldmacht wählen könnte! Und wenn sie – siebtens – schlussendlich „Schluss mit Repressionen gegen Schüler und Schülerinnen“ rufen, wird es noch eine Spur absurder. Wer übt denn hier, bitte schön, Repression aus? Es sind immerhin staatliche Bildungsbehörden, die jene Schüler disziplinieren und bestrafen, welche sich durch Vorschriften nicht von ihrem Schulkampf abhalten lassen wollen. Und eben diese staatlichen Einrichtungen sollen der adäquate Ansprechpartner für solche Forderungen sein, deren demonstrativer Vortrag mit Sicherheit wieder einigen Schülern staatliche „Repression“ einträgt?!
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„Free Tibet!“ auf Persisch – ein ganzes Land als Projektionsfläche. Zur Begeisterung einiger Linker über die oppositionellen Ausschreitungen im Iran.

Wie in anderen Staaten wird im Iran das Führungspersonal des Staates durch die Bevölkerung gewählt. Das iranische politische Establishment, welches seit der (islamischen) Revolution1 gegen den damaligen Herrscher des Irans, den Schah, aus fundamentalistischen, schiitischen Muslimen besteht, wendet hierbei allerdings einen Trick an, der auch in anderen Staaten unter anderen Vorzeichen zur Anwendung kommt, im Iran jedoch sehr viel rigoroser ausgelegt zu werden scheint: Gewählt werden darf nur, wer mit der Verfassung übereinstimmt, also die Prinzipien der „islamischen Revolution“ und die rigide Koranauslegung der mächtigen religiösen Kaste achtet.
In der „Jungle World“ schreibt dazu Wahied Wahdathagh:

Auch der Präsident wird alle vier Jahre direkt von der Bevölkerung gewählt, die aber nur zwischen Kandidaten wählen darf, die der Wächterrat schon vorher gewählt hat.

2 Kandidieren dürfen „nur loyale Islamisten“. Damit sollte eigentlich schon alles zu Mir-Hossein Mousavi gesagt sein, der sich selbst als „radikaler Reformer“ darzustellen versucht und dessen Wahlkampf-Phrasen von westlichen Staatschefs und deutsch-linken Bloggern (schildkroete, don‘t panic!, „im*moment*vorbei“) auch geglaubt werden. Ist dem aufmerksamen Wächterrat hier ein linker Hoffnungsträger durch die Lappen gegangen, der jetzt die Polit-Szene des Irans aufmischt? Selbstverständlich nicht, doch dazu später.
Vorher sei noch in aller Kürze gesagt, dass es den größtenteils „antideutschen“ Personen aus der Linken, die sich unkritisch-solidarisch mit der oppositionellen Protestbewegung zeigen, garnicht darum geht, eine linke oder gar revolutionäre Bewegung als Objekt ihrer Solidarität zu haben. Den Demokratieidealisten, die ubik, Ali Schirasi, schildkröte, don‘t panic! und „im*moment*vorbei“ heißen, geht es darum, den zweitschlimmsten aller politischen Sonderfälle nach dem Faschismus bekämpft zu sehen: Den Islamismus. Beziehungsweise: Ihre Vorstellung vom im Islam(ismus) aktualisierten Faschismus, „Islamfaschismus“ genannt. Die Feindschaft zum Islam(ismus), dem angeblich antimodernen, antizivilisatorischen Projekt ist so groß, dass es „erstmal“ als große Erleichterung erscheint, wenn die Leute im Iran anstatt unter einem islamischen Regime bald unter einem säkulär-demokratischen Regime zu leiden hätten. Die (Antifa-)Moral vom „kleineren Übel“ setzt sich fort und als Kritiker muss man sich Zynismus oder unsolidarisches Gebahren vorwerfen lassen3. Die Wahl zwischen zwei Sorten Scheiße ist meine nicht. (mehr…)

Der Unfug von „…umsGanze!“ zur „,falschen´ Freiheit“… , Pt. 2.

Die Sphäre der Zirkulation oder des Warenaustausches, innerhalb deren Schranken Kauf und Verkauf der Arbeitskraft sich bewegt, war in der Tat ein wahres Eden der angebornen Menschenrechte. Was allein hier herrscht, ist Freiheit, Gleichheit, Eigentum und Bentham. Freiheit! Denn Käufer und Verkäufer einer Ware, z.B. der Arbeitskraft, sind nur durch ihren freien Willen bestimmt. Sie kontrahieren als freie, rechtlich ebenbürtige Personen. Der Kontrakt ist das Endresultat, worin sich ihre Willen einen gemeinsamen Rechtsausdruck geben. Gleichheit! Denn sie beziehen sich nur als Warenbesitzer aufeinander und tauschen Äquivalent für Äquivalent. Eigentum! Denn jeder verfügt nur über das Seine. Bentham! Denn jedem von den beiden ist es nur um sich zu tun. Die einzige Macht, die sie zusammen und in ein Verhältnis bringt, ist die ihres Eigennutzes, ihres Sondervorteils, ihrer Privatinteressen. Und eben weil so jeder nur für sich und keiner für den andren kehrt, vollbringen alle, infolge einer prästabilierten Harmonie der Dinge oder unter den Auspizien einer allpfiffigen Vorsehung, nur das Werk ihres wechselseitigen Vorteils, des Gemeinnutzens, des Gesamtinteresses.

Karl Marx – Friedrich Engels – Werke, Band 23, „Das Kapital“, Bd. I, S. 189 – 190.

Nun ja, damit sei nichts gegen die „,echte´™ Freiheit“ gesagt; wenn schließlich alle Individuen in einer arbeitsteiligen, gemeinschaftlich organisierten, auf Bedürfnisbefriedigung ausgerichteten Ökonomie versuchen, ihren Willen ohne jede (staatliche) Einschränkung durchzusetzen, wäre dies natürlich äußerst vernünftig und ein großes Glück. Man stelle sich mal vor, man müsste sich mit der Restgesellschaft, also mit Leuten, die weder jemals eine Pop-Antifa-Party besucht haben, noch am Türsteher des Berghain vorbeigekommen sind, über Fragen der Produktion unterhalten!

Der Unfug von „…umsGanze!“ zur „,falschen´ Freiheit“…

Andererseits zeigt sich ebensosehr die Albernheit der Sozialisten (namentlich der französischen, die den Sozialismus als Realisation der von der französischen Revolution ausgesprochenen Ideen der bürgerlichen Gesellschaft nachweisen wollen). (…) Was die Herren von den bürgerlichen Apologeten unterscheidet, ist auf der einen Seite das Gefühl der Widersprüche, die das System einschließt; auf der andren der Utopismus, den notwendigen Unterschied zwischen der realen und der ideellen Gestalt der bürgerlichen Gesellschaft nicht zu begreifen und daher das überflüssige Geschäft vornehmen zu wollen, den ideellen Ausdruck selbst wieder realisieren zu wollen, da er in der Tat nur das Lichtbild dieser Realität ist.

Karl Marx, Grundrisse der Kritik der Politischen Ökonomie, 1857 – ´58, S. 160.